
Neun schwarze Punkte stehen diesen Monat in meinem Kalender, und der wichtigste steht neben einem Tag, an dem ich keinen Tropfen getrunken habe. Jeder Punkt markiert einen schlechten Tag — einen, an dem der alte Reflex nach einem Glas so laut angeklopft hat, dass ich fast aufgemacht hätte. Ein Punkt heißt nie, dass ich getrunken habe; seit der Kontrolle halte ich meine Alkohol-Abstinenz ohne eine einzige Ausnahme. Diese Punkte sind trotzdem der Kern meiner Rückfallprävention. Wenn mich jemand fragt, warum ich für die MPU-Vorbereitung ein handschriftliches MPU-Tagebuch führe und nicht einfach nüchterne Wochen abhake, ist meine Antwort jedes Mal gleich: Ein schlechter Tag, den ich benennen kann, überfällt mich nicht. Ein schlechter Tag, den ich wegschiebe, wartet nur.
Ein leerer Kalender beunruhigt mich mehr als ein voller
Die häufigste Frage in meinem Postfach lautet: Reicht es nicht, einfach nüchtern zu bleiben und die trockenen Wochen abzuhaken? Den Wunsch dahinter verstehe ich gut — ein sauberer Kalender voller Häkchen sieht nach Erfolg aus. Nur ist er oft das Gegenteil. Wer behauptet, seit der Aufforderung keinen einzigen schweren Tag gehabt zu haben, hat bei der Gutachterin schon halb verloren, weil ihm die Selbstreflexion fehlt. Was rechtlich zählt, steht in der Fahrerlaubnis-Verordnung — aber kein Paragraf sagt mir, wie ich einen grauen Sonntag überstehe.
Klar gehört der Abstinenznachweis dazu — nur ist er die Eintrittskarte, nicht das eigentliche Spiel. Das findet im Kopf statt. Zuerst habe ich es mit einer MPU-Vorbereitungsapp versucht, die genau diesen Denkfehler eingebaut hatte: grüne Haken für nüchterne Tage, Push-Nachrichten, kleine Belohnungen. Nach zwei Tagen habe ich sie gelöscht. Sie hat aus meinen schweren Stunden eine Statistik gemacht, und eine Statistik kann man nicht ansehen und verstehen. Einen Punkt, den ich mit der Hand male, schon.

Zählt ein schlechter Tag als Rückfall, wenn ich nichts getrunken habe?
Markus, den ich von einem MPU-Infoabend kenne, ist in seiner Vorbereitung weiter als ich und sagt ganz offen, womit er vorher nicht gerechnet hatte: dass ein mieser Tag sich anfühlen kann wie ein Rückfall, obwohl das Glas leer geblieben ist. Genau das fragen mich Leute nachts um halb eins per Mail — zählt das schon? Nein. Ein Rückfall fängt nicht an der Bar an. Er beginnt Wochen vorher, in dem Moment, in dem man aufhört, sich die Wahrheit zu sagen. Ein markierter schlechter Tag ist das Gegenteil davon: ein Warnschild, das ich rechtzeitig gesehen habe. Meine Faustregel ist deshalb simpel — solange ich den Tag noch aufschreiben kann, habe ich ihn nicht verloren.
Schlechte Tage markieren: mein Protokoll für die Rückfallprävention
Das Protokoll ist kein Hexenwerk, und genau das ist der Sinn. In der Sekunde, in der es kippt, mache ich nur eins: einen schwarzen Punkt in den Kalender, egal wo ich gerade bin. Kein langer Text, keine Deutung. Der Punkt hält den Tag fest, damit er nicht verschwindet. Die eigentliche Arbeit kommt sonntags. Dann sitze ich auf den mintgrünen Küchenfliesen, das schwarze Notizbuch aufgeschlagen vor mir auf dem Boden, das Masterplan-Workbook in Reichweite auf dem Küchenstuhl, und gehe die Punkte der Woche einzeln durch. Neben jeden schreibe ich, was in der halben Stunde davor passiert ist. War ich hungrig? Erschöpft? Hatte ich gerade jemandem eine Magen-Darm-Geschichte aufgetischt, statt zu sagen, was wirklich los ist?
In der gesprungenen Tasse neben mir hat der kalte Tee wieder diesen braunen Rand hinterlassen, den ich mit dem Daumen nicht wegbekomme, während ich die Woche sortiere. Es geht mir dabei nie darum, den Tag zu verurteilen, sondern darum, den Auslöser zu finden. Das ist dieselbe Arbeit wie eine ehrliche Trinkanamnese, nur in Zeitlupe und Woche für Woche. Wie weit du damit allein kommst, entscheidet auch, ob dir am Ende ein Zwei-Euro-Kalender reicht oder ob du eher einen MPU Vorbereitung Kurs oder Einzelberatung brauchst — je ehrlicher du mit dir selbst bist, desto weiter trägt dich das Notizbuch.

Vom einzelnen Punkt zum Muster
Ein einzelner Punkt sagt wenig. Wichtig wird es, wenn sich mehrere in einer Woche häufen und alle in dieselbe Richtung zeigen. Dann ist das kein Pech und kein schlechter Monat, sondern eine Stelle auf meiner Landkarte, an der regelmäßig der Nebel aufzieht. So stelle ich mir die ganze Sache vor: wie eine Wanderkarte, auf der ich mir die Passagen anstreiche, an denen der Weg rutschig wird, damit ich beim nächsten Mal dort langsamer gehe. Mein Kriterium ist deshalb nicht die Zahl der Punkte, sondern ihre Richtung. Drei Punkte, die auf denselben Auslöser deuten — Erschöpfung nach einem Meeting, in dem ich mich verstecken musste —, sind ein Auftrag: An dieser Stelle brauche ich einen Plan, keine Willenskraft.
Nicht jeder Punkt ist übrigens schwarz gemeint. Letzte Woche habe ich einer Kollegin am Telefon zum ersten Mal den ganzen Satz gesagt — nicht die Ausweich-Version, sondern das, was wirklich passiert ist —, und als ich aufgelegt hatte, kam zum ersten Mal kein Weinen hinterher. Diesen Tag habe ich auch markiert, nur anders. Er zeigt mir, wo der Nebel sich lichtet, und das ist genauso wertvoll wie die Stelle, an der er dicht wird.

Muss ich der Gutachterin von den schlechten Tagen erzählen?
Ja. Und zwar aufrichtig, auch wenn es wehtut. Im psychologischen Gespräch merkt die Gutachterin sofort, wenn jemand nur auswendig gelernte Sätze abspult — das hört sie den ganzen Tag. Wer sagt, es sei nie schwierig gewesen, liefert genau die Antwort, die durchfallen lässt. Meine markierten Tage sind da mein bester Verbündeter: Sie geben mir konkrete Situationen, über die ich reden kann, statt schöner Floskeln. Im Workbook geht es viel um Trennungsvermögen, und wie ich meine MPU Fragen zum Alkoholkonsum ehrlich beantworten lerne, ist ein Kapitel für sich.
Einer dieser Punkte steht für einen Freitag, an dem mir auf einer Feier ungefragt ein Glas Sekt in die Hand gedrückt wurde — nicht angerührt, aber der alte Reflex war für eine Sekunde da.
Neulich fragte mich die Verkehrspsychologin, was mein Plan sei, wenn der nächste richtig schlechte Tag kommt und niemand danebensteht. Ich saß da und schwieg, den Blick auf meinen Fingernägeln. Ich wusste es nicht — und ich habe es ihr genau so gesagt. Diese eine ehrliche Lücke war mehr wert als jede perfekte Antwort. In meinem Erfahrungsbericht zur ersten Beratung war da noch pure Panik; heute ist es eher eine wache Aufmerksamkeit.

Ein Kalender ist noch kein Zaubermittel
Melanie, meine beste Freundin, ruft manchmal an und erzählt mir von ihren eigenen mistigen Tagen — dem Streit in der Agentur, dem Nachmittag, an dem ihr alles zu viel war. Sie macht das, glaube ich, damit ich mich mit meinen schwarzen Punkten nicht wie der einzige Mensch fühle, der überhaupt schlechte Tage hat. Und sie hat recht: Ein markierter Tag ist kein Makel, sondern ein Zeichen, dass jemand hinschaut.
Der Kalender allein heilt nichts. Er zaubert keine Antwort für die Gutachterin herbei und macht die Nächte nicht kürzer. Was er kann: aus einem diffusen „mir geht es gerade schlecht" eine konkrete Stelle machen, an der ich beim nächsten Mal vorbereitet bin. Für die Rückfallprävention ist das mehr wert als jeder Vorsatz, ab morgen einfach stärker zu sein.
Ich bin keine Beraterin und keine Psychologin — nur jemand, der einmal richtig danebengelegen hat und jetzt jeden Sonntag die eigenen Punkte sortiert. Bei rechtlichen Fragen sprich mit einem Fachanwalt für Verkehrsrecht; wenn der Alkohol sich nicht allein loslassen lässt, sind Suchtberatung oder die Anonymen Alkoholiker die richtige Adresse. Ein Notizbuch auf dem Küchenboden ersetzt beides nicht.