Wieder am Steuer

Rückfallprävention für die MPU Alkohol: Warum ich meine schlechten Tage markiere

Es ist wieder einer dieser Sonntagabende in Neuhausen, an denen die Fliesen in meiner Küche sich besonders kalt anfühlen. Ich sitze hier auf dem Boden, den Rücken gegen die Heizung gelehnt, die nur noch lauwarm ist, und starre auf die ungespülte Tasse mit dem Rest Pfefferminztee vom Nachmittag. Das Kratzen meines Kugelschreibers auf dem Papier ist das einzige Geräusch im Raum, außer dem fernen Rauschen der U-Bahn am Rotkreuzplatz. Ich schlage mein Notizbuch auf, um die vergangene Woche zu besiegeln — eine weitere Woche ohne Führerschein, eine weitere Woche, in der ich lernen muss, wer ich eigentlich ohne das Glas Wein am Abend bin.

Der Sonntagabend auf den Fliesen: Wenn die Punkte die Wahrheit sagen

Ich habe im September angefangen, dieses Tagebuch zu führen, kurz nachdem diese Samstagnacht im Spätsommer 2025 alles verändert hat. Seitdem ist viel passiert — der gelbe Brief mit der MPU-Aufforderung im November war wie ein Schlag in die Magengrube. Inzwischen sind wir Ende Mai 2026, und ich habe gelernt, dass Abstinenz nicht nur bedeutet, nichts zu trinken. Es bedeutet, sich selbst beim Scheitern zuzusehen, ohne die Flucht nach vorne (oder zum Kühlschrank) anzutreten. In meinem Kalender gibt es diese kleinen, schwarzen Punkte. Jeder Punkt steht für einen Tag, an dem es mir dreckig ging. Ein Tag, an dem der Suchtdruck oder einfach die alte Gewohnheit so laut angeklopft hat, dass ich fast die Tür geöffnet hätte.

Letzten Mittwoch zum Beispiel. Ein langer Tag in der Agentur, eine E-Mail von meiner ehemaligen Lieblings-Bar in der Maxvorstadt im Postfach — ein Newsletter über das neue Sommer-Opening, den ich vergessen hatte abzubestellen. Plötzlich war er da, dieser metallische Geschmack von Stress im Mund, den ich früher immer mit einem kalten Weißwein runtergespült habe. Ich habe den Tag mit einem dicken schwarzen Punkt markiert. Nicht, weil ich getrunken habe — ich bin seit der Kontrolle bei 1,4 Promille absolut abstinent —, sondern weil ich den Moment festhalten musste. Diese Punkte sind meine Landkarte für die Rückfallprävention. Wenn ich später im Explorationsgespräch vor der Gutachterin sitze, will ich nicht sagen: "Es war alles ganz einfach." Das würde mir niemand glauben, und ehrlich gesagt, würde ich es mir selbst nicht glauben.

Ein handgeschriebener Kalender mit schwarzen Punkten zur Markierung von Rückfall-Triggern.

Vom Schock der 1,4 Promille zur harten Realität

Ich erinnere mich noch genau an den Moment an der Straße, als die Beamten mir sagten, dass ich 1,4 Promille habe. In Bayern ist das oft die Grenze, an der es ungemütlich wird. Zwar liegt der harte Grenzwert für eine zwingende MPU bei Ersttätern laut Fahrerlaubnis-Verordnung meist bei 1,6 Promille, aber wenn Ausfallerscheinungen dazukommen oder die Führerscheinstelle Zweifel an der charakterlichen Eignung hat, landet man auch mit weniger schneller beim Gutachter, als man "Westfriedhof" sagen kann. Bei mir war es die Kombination aus dem Wert und der Tatsache, dass ich wohl zu sicher gewirkt habe am Steuer — was die Beamten als hohe Giftfestigkeit interpretiert haben.

Damals dachte ich: "Ich pass halt einfach besser auf." Aber das ist keine Strategie. Das ist ein Wunschzettel. Wirkliche Rückfallprophylaxe bedeutet, die Hosen runterzulassen. Ich musste verstehen, dass mein Trinkverhalten kein Ausrutscher war, sondern ein System. In den ersten Wochen nach dem Brief im November saß ich oft stundenlang auf dem Sofa und habe die Zimmerdecke angestarrt. Ich wusste nicht, wie ich erklären sollte, warum ich nach einer Hochzeit noch gefahren bin. Ich wusste nur, dass ich Angst vor den Fragen hatte. Heute, Monate später, weiß ich, dass die Frage nach dem "Warum" viel tiefer geht als nur bis zum Parkplatz vor der Hochzeitslocation.

Warum ein einfaches Kreuzchen im Kalender nicht reicht

In den gängigen Foren liest man oft, man müsse nur seine Abstinenzbelege sammeln. Sechs oder zwölf Monate, je nach Fall. Ich habe mich für das volle Programm entschieden, inklusive Haaranalysen, um jeden ETG-Wert schwarz auf weiß zu haben. Aber der Abstinenznachweis ist nur die Eintrittskarte. Das eigentliche Spiel findet im Kopf statt. In meinem Workbook steht viel über Trennungsvermögen und die Identifikation von Risikosituationen. Aber Theorie ist das eine, der Alltag in Neuhausen das andere.

Meine schwarzen Punkte helfen mir, Muster zu erkennen. Als ich im Februar eine ganze Reihe dieser Punkte im Kalender hatte, wurde mir klar: Es war nicht der Alkohol, den ich vermisst habe. Es war die Entspannung nach der Isolation. Der Februar in München kann grausam sein, alles ist grau, die U7 nach Westfriedhof riecht nach nassen Mänteln, und ich fühlte mich allein mit meinen Fehlern. Hätte ich diese Tage nicht markiert, hätte ich sie vergessen. Und wenn mich die Psychologin beim Termin gefragt hätte, wann es schwierig war, hätte ich vielleicht gesagt: "Eigentlich nie." Und genau das wäre mein Ticket zum Durchfallen gewesen. Wer behauptet, keine Probleme zu haben, hat das größte Problem von allen: mangelnde Selbstreflexion.

Blick aus einem Fenster in München-Neuhausen bei Regen und trübem Wetter.

Der Februar-Blues: Wenn die Punkte zur Landkarte werden

Ein Rückfall beginnt Monate bevor man das Glas ansetzt. Er beginnt im Kopf, wenn man aufhört, ehrlich zu sein. Ich habe diesen einen Moment im Februar, als ich beinahe in Tränen ausgebrochen bin, weil ich im Supermarkt am Weinregal vorbeigegangen bin und den Geruch von Korken und Keller in der Nase hatte. Ich habe mich geschämt. Eine 36-jährige Frau, die im Edeka am Rotkreuzplatz fast einen Nervenzusammenbruch bekommt, weil sie keinen Chardonnay kaufen darf? Lächerlich, dachte ich.

Aber mein Vorbereitungs-Kurs hat mir beigebracht, dass genau diese Momente Gold wert sind. Ich habe gelernt, dass ich diese Trigger nicht wegdrücken darf. Ich muss sie analysieren. Was war vor dem Supermarkt-Besuch? Hatte ich Hunger? War ich wütend? In meinem Fall war es die Erschöpfung nach einem Meeting, in dem ich meine MPU-Sache verheimlichen musste. Ich habe einer Kollegin erzählt, ich hätte eine Augen-OP und dürfe deshalb kein Auto fahren. Die Lüge hat sich so schwer angefühlt, dass ich sie mit Alkohol wegspülen wollte. Dass ich heute darüber schreiben kann, ohne mich komplett zu zerfleischen, verdanke ich der Arbeit mit meinem Masterplan-Workbook. Es zwingt mich, diese hässlichen kleinen Wahrheiten aufzuschreiben. Wer wissen will, ob er eher einen MPU Vorbereitung Kurs oder Einzelberatung braucht, sollte sich fragen, wie gut er alleine mit der Wahrheit klarkommt.

Ein offen liegendes MPU-Vorbereitungs-Workbook mit persönlichen Notizen.

Die Angst vor dem Explorationsgespräch – und warum Ehrlichkeit weh tut

Ich habe nächste Woche wieder einen Termin bei meiner Verkehrspsychologin. Ich mag sie, auch wenn sie manchmal Fragen stellt, die sich anfühlen wie ein chirurgischer Eingriff ohne Betäubung. Letztes Mal fragte sie mich: "Was ist Ihr Plan für den ersten großen Streit mit jemandem, der Ihnen wichtig ist, wenn Sie keinen Alkohol mehr als Puffer haben?" Ich saß da und habe geschwiegen. Mein kalter Tee stand auf dem Tisch, und ich starrte auf meine Fingernägel. Ich wusste es nicht.

Das ist der Punkt, an dem viele scheitern. Sie versuchen, die "perfekte" Antwort auswendig zu lernen. Aber die Gutachter hören das tausendmal am Tag. Sie merken, wenn man nur Sätze nachplappert. Ich lerne gerade mühsam, wie ich meine MPU Fragen zum Alkoholkonsum ehrlich beantworten kann, ohne mich hinter Floskeln zu verstecken. Das bedeutet auch zuzugeben, dass ich Angst habe. Angst, dass ich in zwei Jahren vielleicht doch wieder schwach werde. Aber genau diese Angst ist mein Schutzschild. Wer keine Angst vor einem Rückfall hat, ist am gefährdetsten.

Sich den Triggern stellen: Warum ich den Sekt nicht weggeräumt habe

Hier kommt etwas, das vielleicht verrückt klingt, aber für mich funktioniert hat. Letzten Freitag war ich auf einer Geburtstagsfeier. Ich hatte mir fest vorgenommen, nichts zu trinken, klar. Aber ich habe einen Schritt weiter gemacht. Ich habe mir ein Glas Sekt einschenken lassen und es vor mich hingestellt. Ich wollte wissen, was passiert. Ich wollte den Trigger provozieren, anstatt vor ihm wegzulaufen. Es war ein dummer Test, vielleicht sogar ein gefährlicher, aber ich wollte sehen, ob ich die Kontrolle habe.

Ich habe das Glas nicht angerührt. Aber ich habe beobachtet, wie meine Hand gezuckt hat. Ich habe gemerkt, wie mein Gehirn mir Ausreden geliefert hat: "Nur ein Schluck, zum Anstoßen, das merkt keiner beim ETG-Test." Ich habe diese Gedanken wie Wolken vorbeiziehen lassen. Am Ende habe ich das Glas in den Ausguss gekippt. Dieser Moment war wichtiger als zehn Stunden Theorie. Ich habe meinen Trigger im Griff gehabt, weil ich ihn aktiv gespürt habe. In meinem Erfahrungsbericht zur ersten Beratung habe ich noch von der puren Panik geschrieben — heute ist es eher eine wachsame Aufmerksamkeit.

Ein unangetastetes Glas Sekt als Symbol für die Rückfallprävention.

Keine Abkürzung, nur ein langer Weg zurück

Wenn du das hier liest und gerade erst deinen Führerschein abgegeben hast: Es wird nicht einfach. Die MPU ist kein Test, den man mal eben besteht, weil man drei Monate lang brav war. Es geht um deine innere Einstellung, um deine charakterliche Eignung. Ich sitze hier immer noch auf dem Boden in Neuhausen, und mein Nacken tut weh. Aber das Notizbuch ist für heute fertig. Die Punkte sind da, sie sind ehrlich, und sie sind mein Beweis, dass ich mich bewege.

Ich bin keine Expertin. Ich bin keine Beraterin. Wenn du rechtliche Fragen hast, such dir einen Anwalt für Verkehrsrecht. Wenn du merkst, dass du den Alkohol nicht alleine lassen kannst, geh zur Suchtberatung oder zu den Anonymen Alkoholikern. Ich bin nur eine 36-Jährige, die einmal richtig Mist gebaut hat und jetzt versucht, die Scherben so zusammenzusetzen, dass sie ein neues Bild ergeben. Ein Bild, auf dem kein Auto mehr vorkommt, wenn ein Glas Wein im Spiel ist. Oder besser noch: Ein Bild, auf dem ich lerne, dass ich auch ohne das Glas ganz okay bin.

Nächsten Sonntag sitze ich wieder hier. Wahrscheinlich wieder mit kaltem Tee. Aber hoffentlich mit einem weiteren Kreuzchen und vielleicht einem Punkt weniger, der mich daran erinnert, wie schwer der Weg ist. Aber wir gehen ihn, oder? Schritt für Schritt, von Neuhausen bis zum Westfriedhof und irgendwann wieder zurück auf den Fahrersitz — aber mit einem völlig anderen Kopf.

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