
Was wirklich in deiner Akte steht, ist nicht das, was du glaubst erlebt zu haben, sondern das, was ein Sachbearbeiter irgendwann in ein Formular getippt hat. Ich habe mir diese Frage die ganze letzte Woche gestellt, seit feststand, dass ich für die Akteneinsicht einen Termin beim KVR in München brauche. Für mein Neuhausen-Tagebuch, für meine ganze Alkohol-MPU-Vorbereitung, war das bisher der Punkt, vor dem ich am meisten Bauchschmerzen hatte.
Kurzer Hinweis, bevor es weitergeht: Ich schreibe hier ehrlich über meine eigene Vorbereitung und verlinke dabei auch Dinge wie das Workbook, das ich selbst benutze – wenn du darüber etwas kaufst, bekomme ich eine kleine Provision, für dich ändert sich am Preis nichts. Ich bin keine Verkehrspsychologin, keine Therapeutin, keine MPU-Beraterin, nur eine Frau mit einer eigenen Akte und einem eigenen Tagebuch. Bei rechtlichen Fragen gehört ein Fachanwalt für Verkehrsrecht dazu, bei echten Sorgen um den eigenen Alkoholkonsum eine Suchtberatungsstelle. Meine vollständige Offenlegung steht auf der Über-mich-Seite.
Akteneinsicht beim KVR: der Termin, vor dem ich Angst hatte
Am KVR hatte ich mir vorher ausgemalt, ich könnte einfach am Schalter fragen, was in meiner Akte steht. So einfach ist das nicht. Man braucht einen festen Termin zur Akteneinsicht, das hat mir eine Mitarbeiterin am Telefon ziemlich trocken erklärt. Also saß ich an einem grauen Vormittag mit meinem Personalausweis in der Hand in einem Wartebereich, der nach Kaffee aus der Maschine und feuchtem Beton roch, und habe mich gefühlt wie vor einem Elterngespräch in der Schule.
Bevor ich hinging, hatte mir Benjamin, ein früherer Leser, der irgendwann unter meinem allerersten Eintrag kommentiert hat, noch kurz geschrieben. Er meldet sich selten, aber wenn, dann mit etwas Konkretem statt mit Aufmunterung: Ich solle unbedingt vorher anrufen und einen Termin machen, sonst stehe ich nur vor verschlossenen Türen, hat er geschrieben – seine eigene MPU liegt zwei Jahre zurück. Genau das ist dann auch fast passiert, nur dass ich es selbst erst lernen musste.
Meine Verkehrspsychologin hatte mir das eigentlich schon im ersten Gespräch zur Vorbereitung gesagt: Was ich glaube erlebt zu haben, ist für den Gutachter zweitrangig. Wichtig ist, was in den Unterlagen steht. Also saß ich am Ende doch mit einem Termin dort und wartete, bis mir jemand die Akte über den Tisch schob.

Was tatsächlich in einer Münchner MPU-Akte steht
In diesem Moment, mit den gelochten Blättern und Behördenstempeln vor mir, wurde mir klar, dass genau diese Papiere über meine sogenannte charakterliche Eignung entscheiden. Irgendwann verschwindet so ein Eintrag wieder aus dem Fahreignungsregister, aber bis dahin liegt er einfach da, unangenehm und unveränderlich.
Der polizeiliche Ermittlungsbericht war das Herzstück – Details zum Ablauf jener Nacht, mein Verhalten gegenüber den Beamten, die ersten Tests direkt vor Ort. Dazu kam der Strafbefehl vom Gericht, ganz nüchtern formuliert, und ein Abschnitt zu früheren Auffälligkeiten, also ob ich schon einmal Punkte in Flensburg oder ein Fahrverbot hatte. Bei mir stand da zum Glück nichts weiter, aber frühere MPU-Gutachten würden dort genauso auftauchen, falls es sie gegeben hätte.
Was mich am meisten getroffen hat, waren die wörtlichen Notizen der Polizei von damals: „lallende Sprache", „unsicherer Gang". In meiner eigenen Erinnerung war ich an dem Abend „noch okay" gewesen. Das Papier kannte diese Beschönigung nicht, und die Grenze zur absoluten Fahruntüchtigkeit ließ ohnehin keinen Interpretationsspielraum.
Genau deshalb bin ich seit ein paar Wochen dabei, meine eigenen Trinkanlässe ehrlich zu sortieren – jede Situation einzeln, ohne die Version, die ich mir selbst gerne erzählen würde.
Warum Trennungsvermögen für Berufskraftfahrer schwerer wiegt
Im Wartebereich saß ein Mann in einer Speditions-Arbeitsjacke, der sichtlich fertig aussah, und ich habe kurz überlegt, wie unterschiedlich unsere beiden Situationen eigentlich sind. Für mich als Office Managerin ist der Führerschein-Verlust ärgerlich – ich nehme jetzt öfter Bus und Bahn quer durch die Stadt. Für jemanden, der beruflich fährt, steht mit der Akte die ganze Existenz auf dem Spiel, gerade wenn dort etwas zum Trennungsvermögen notiert ist, also zur Fähigkeit, Konsum und Fahren sauber genug zu trennen.
Ich nutze für meine eigene Vorbereitung weiterhin den MPU Masterplan Alkohol. Es ist kein Wundermittel, eher ein Workbook mit Wochenaufgaben, das sich fast tagebuchartig durcharbeiten lässt, gerade an Tagen, an denen sonst wenig geht bei mir. Wenn ich es zwei Wochen liegen lasse, fange ich beim dritten Modul oft wieder von vorne an, weil ich den Faden verloren habe – aber genau diese Auseinandersetzung mit mir selbst nimmt mir sonst niemand ab.
Der Termin, den ich nach zehn Minuten beendet habe
Diese Woche war nicht nur Aktenlektüre. Vor ein paar Tagen hatte ich mir tatsächlich eine Einzelstunde bei einem Psychiater gebucht, einfach um über das ganze Thema zu reden, losgelöst von der MPU-Bürokratie. Nach zehn Minuten habe ich das Gespräch auf mein Bewerbungsgespräch nächste Woche gelenkt, auf alles andere, nur nicht mehr auf den Alkohol. Bezahlt habe ich die Stunde trotzdem, bin aber rausgegangen, ohne wirklich etwas gesagt zu haben, was zählt.
Danach war ich einfach nur müde, auf eine Art, die mit Schlaf nichts zu tun hat. Nicole aus meinem Fitnessstudio in Neuhausen, die seit einem Jahr freiwillig komplett auf Alkohol verzichtet, hat mir am Abend noch geschrieben, ob alles okay sei. Als ich ihr von der Erschöpfung erzählt habe, meinte sie nur, genau diese Art von Müdigkeit unterschätze man am meisten – nicht der Durst nach einem Glas Wein sei das eigentliche Risiko, sondern der Punkt, an dem man einfach zu erschöpft ist, um noch auf sich selbst aufzupassen.
Am nächsten Tag habe ich mir trotzdem vorgenommen, weiter an ehrlichen Antworten für das Gespräch zu arbeiten, auch wenn die Stunde beim Psychiater am Ende nichts gebracht hat.
Elisabethmarkt, Woche 8: ein Moment ohne Anhalten
Acht Wochen ohne Führerschein sind mittlerweile vergangen, und der eigentliche Beweis dafür, dass sich etwas verschiebt, kam nicht aus der Akte, sondern vom Elisabethmarkt. Ich bin letzten Samstag an dem Stand mit den schmalen Sektgläsern vorbeigelaufen, an dem ich früher automatisch langsamer geworden wäre, und habe es einfach nicht bemerkt, bis ich schon zwei Stände weiter war. Kein Innehalten, kein kurzer Blick, gar nichts.
Zu Hause auf dem Küchenboden, mit der angeschlagenen Tasse neben mir – innen hat sich wieder dieser bräunliche Film vom kalten Tee abgesetzt, den ich nie rechtzeitig wegwische –, habe ich das in mein Notizbuch geschrieben und daneben einen kleinen Punkt gemacht, diesmal keinen schwarzen. Für die schlechten Tage habe ich mir vor einer Weile ein einfaches System aus Punkten angewöhnt, aber dieser hier war anders, fast schon unauffällig gut.
Für den Abstinenznachweis, den die Begutachtungsstelle ohnehin von mir verlangt, ändert so ein Moment am Marktstand natürlich nichts – das läuft über ganz andere Kanäle. Aber für mich persönlich war es der bisher deutlichste Hinweis, dass die letzten Wochen nicht nur aus Formularen und Wartezimmern bestanden haben.
Hol dir deine Akte, bevor du dir etwas vormachst
Wenn du gerade selbst irgendwo zwischen Kontrolle und Anhörung feststeckst, ob in Neuhausen oder sonst wo in München: Geh zu deiner zuständigen Behörde und hol dir Einsicht in deine eigene Akte. Du kannst gegen einen Gegner, dessen Unterlagen du nicht kennst, schlicht nicht argumentieren.
Fast ein Jahr ist es jetzt her, dass ich angefangen habe, mir meinen eigenen Umgang mit Alkohol wirklich ehrlich anzuschauen, und diese Akte war nur ein weiteres Puzzleteil davon, kein Anfang und kein Ende. Falls du noch ganz am Start stehst und nach Struktur suchst: der MPU Masterplan für Alkohol gibt mir zumindest ein Gerüst, wenn im Kopf sonst nur Chaos ist. Und falls du eher wegen einer Drogen-MPU hier gelandet bist – aus einem Forum kenne ich jemanden, der dafür den FLEX3 Online Kurs nutzt, auch wenn ich selbst keine direkte Erfahrung damit habe.
Der Tee neben mir ist inzwischen komplett kalt, der Boden unter mir immer noch hart, aber die Akte liegt zurück im Umschlag. Gute Nacht aus Neuhausen.