
Ein Bluttest zeigt eine Zahl, kalt und eindeutig; das psychologische Gespräch bei der Alkohol-MPU zeigt gar nichts, außer dem, was ich bereit bin zu sagen. Genau deshalb macht mir dieser Teil meiner MPU-Vorbereitung mehr Angst als jeder Labortermin, und genau deshalb sitze ich hier mit meinem Notizbuch und einer Selbstreflexion, vor der ich mich am liebsten drücken würde.
Kurz vorweg, weil es fair ist: Ich bin keine Verkehrspsychologin und keine Anwältin, nur eine Office Managerin, die im Spätsommer mit 1,4 Promille kontrolliert wurde und seitdem versucht, das wieder geradezubiegen. Was hier steht, ist mein Weg durch die MPU-Vorbereitung, nicht dein Rezept -- und für rechtliche Fragen ist ein Fachanwalt die richtige Adresse, nicht mein Notizbuch.
Der Unterschied zwischen einer Zahl und einem Gespräch
Fünfundvierzig bis sechzig Minuten dauert das Gespräch normalerweise, eine reine Zahl, die nichts darüber sagt, wie sich diese Zeit tatsächlich anfühlt. Der Gutachter fragt nicht nur, ob ich trinke oder nicht. Er fragt, warum ich getrunken habe, wann genau es gekippt ist, und ob ich verstehe, was mich an jenem Abend nach der Hochzeit dazu gebracht hat, noch selbst nach Hause zu fahren. Genau das nennt man die charakterliche Eignung prüfen: nicht nur das Verhalten bewerten, sondern das Denken dahinter.
Am Anfang habe ich das Gespräch für ein Verhör gehalten. Mittlerweile verstehe ich es eher als ein sehr ehrliches Bewerbungsgespräch für den Rest meines Lebens -- nur dass ich hier keine Referenzen vorzeigen kann, sondern nur meine eigene Erklärung. Wer im Raum sitzt und ausschließlich seine Abstinenznachweise auf den Tisch legt, wird es schwer haben. Der ETG-Wert ist wichtig, keine Frage, aber er beantwortet nicht, warum ich es überhaupt so weit habe kommen lassen.
Zu Hause greife ich in solchen Wochen wieder zum MPU Masterplan Alkohol, nicht weil er mir fertige Antwort-Sätze vorgibt, sondern weil die Fragen darin ähnlich unbequem sind wie die, die der Gutachter stellen wird.

Drei Wochen ungeöffnet: der Brief im Briefkasten
Der Brief mit der offiziellen MPU-Aufforderung kam im November, gelb, mit Fensterumschlag, und blieb drei Wochen lang ungeöffnet im Briefkasten liegen. Ich habe ihn jeden Tag gesehen, wenn ich die Post geholt habe, und jeden Tag einfach die anderen Umschläge obendrauf gelegt. Es war keine bewusste Entscheidung. Es war eher so, als würde das Problem verschwinden, solange der Umschlag zu bleibt.
Genau dieses Muster ist es, worüber der Gutachter im Gespräch mehr wissen will als über die reine Promillezahl: Wegschauen, aufschieben, hoffen, dass sich etwas von selbst löst. Nicole Fesenmeyer, eine Bekannte aus meinem Fitnessstudio in Neuhausen, hat vor einem Jahr aus eigenem Antrieb komplett auf Alkohol verzichtet, ganz ohne Behörde im Nacken. Sie kennt das Schleichen durch Partys mit einem Glas Wasser in der Hand genauso gut wie ich -- nur eben ohne die rechtliche Seite, die bei mir mitschwingt.
Ehrlich antworten, ohne eine Rolle zu spielen
Zu sagen, dass ich getrunken habe, weil der Stress im Büro zu viel wurde, tut mehr weh als zuzugeben, dass ich einfach zu viel getrunken habe. Das Erste kratzt an meinem Selbstbild als jemand, die eigentlich alles im Griff hat. Trotzdem ist genau das die ehrliche Trinkanamnese, die im Analysieren der persönlichen Trinkanlässe gefragt ist -- nicht die Version, die gut klingt, sondern die, die stimmt.
Benjamin Jost, der vor zwei Jahren seine eigene MPU bestanden hat und seit meinem allerersten Blogeintrag hin und wieder schreibt, hat mir letztens einen Gedanken mitgegeben, der hängen geblieben ist: Man muss das Trennungsvermögen im Gespräch nicht mit Fachbegriffen erklären, ein simples Alltagsbeispiel reicht oft mehr als jede saubere Definition. Wie ich lerne, MPU Fragen zum Alkoholkonsum ehrlich beantworten, hat sich seit diesem Gespräch mit ihm noch einmal verschoben -- weg vom Auswendiglernen, hin zum echten Erzählen.

Wie klingt Ehrlichkeit, wenn man jahrelang geübt hat, cool zu wirken?
Die Augustenstraße runter bin ich an jenem Nachmittag gelaufen, ohne Ziel, nur um nicht länger auf das Workbook zu starren.
In der siebten Woche ohne Führerschein rief danach eine ehemalige Kollegin an und fragte, wie es mir geht. Zum ersten Mal habe ich am Telefon alles gesagt. Die Kontrolle, den Führerschein, die Verkehrspsychologin, die Angst vor dem Gespräch. Aufgelegt habe ich, ohne dass mir die Tränen kamen. Das war neu.
Ich habe irgendwann angefangen, meine schlechten Tage zu markieren, einfach um Muster zu erkennen. Im Gespräch will ich genau dieses Muster zeigen können. Nicht Perfektion, sondern eine Entwicklung, die sich nachvollziehen lässt.
Ein Bekannter aus einem Online-Forum für Drogen-MPU-Fälle nutzt den FLEX3 Online Kurs für Drogen-MPU, weil sein Fall anders gelagert ist als meiner. Inhaltlich hilft mir das nicht direkt, aber ich verstehe, was er meint, wenn er sagt, dass eine feste Struktur an schlechten Tagen ein Geländer ist, an dem man sich festhalten kann.
Mein Neuhausen-Tagebuch nach der siebten Woche
Morgen früh fahre ich wieder mit der U-Bahn zur Arbeit, eine Strecke, für die ich früher mit dem Auto fünfzehn Minuten brauchte und jetzt fast vierzig mit Bus und Bahn. Jede Fahrt ist eine kleine Erinnerung an den Fehler, aber auch daran, dass ich mich bewege und nicht stehen bleibe.
Wenn du auch gerade vor diesem Gespräch stehst und nicht weißt, wie du sechzig Minuten lang ehrlich bleiben sollst: Fang nicht bei den Antworten an, die gut klingen sollen. Fang bei der einen Sache an, die du bisher noch niemandem erzählt hast. Dem Brief, der liegen blieb, dem Anruf, den du nicht angenommen hast, dem Satz, den du deiner besten Freundin nie gesagt hast. Das ist die Übung, die zählt, lange bevor der Gutachter überhaupt fragt.
Ich merke, dass ich mich seit den ersten Modulen durch den Masterplan wirklich verändert habe. Kein Auswendiglernen von Antworten mehr, sondern ein Verstehen meiner selbst. Falls dich das auch weiterbringen könnte: Schau dir den MPU Masterplan für Alkohol einfach mal an. Der Tee neben mir ist inzwischen wieder kalt. Aber mein Kopf ist heute Abend ein kleines bisschen sortierter als noch vor ein paar Stunden.