
Der Kugelschreiber kratzt über die Linie im Notizbuch, mitten im Wort ‚Hirschgarten', als mir auffällt: Seit einer Stunde denke ich an gar nichts, was mit Alkohol zu tun hat. Kein Bier, kein Wein, kein Glas, das ich mir vorstelle, um mich zu beruhigen. Nur der Stift und die Frage, ob mein Kopf inzwischen anders funktioniert als vor der Kontrolle im Spätsommer. Genau darum geht es in diesem Tagebuch aus Neuhausen: nicht nur darum, alkoholfrei zu leben, sondern darum, wie ich mit dem Gedankenchaos umgehe, das mitten in der langen MPU-Vorbereitung entsteht. Für die MPU-Psychologie dieser Wartezeit habe ich inzwischen zwei ziemlich unterschiedliche Reaktionen ausprobiert, und mentale Stärke bedeutet für mich vor allem, im richtigen Moment die richtige davon zu wählen.
Diesen Mittwoch saß ich wieder bei meiner Verkehrspsychologin, im Lehrgespräch, und wir sind kurz auf genau diese zwei Reaktionen zu sprechen gekommen. Die eine kenne ich gut: bekämpfen, wegdrücken, ablenken. Die andere übe ich erst seit Kurzem: hinschauen, benennen, stehen lassen. Sie sagte, so etwas zeige sich oft schon daran, wie jemand über das eigene Trennungsvermögen zwischen Trinken und Fahren spricht – aber das ist ein anderes Thema für ein anderes Mal.
Zwei Reaktionen der MPU-Psychologie
Reaktion eins ist der Kampf-Modus. Sobald ein negativer Gedanke auftaucht – du bist doch keine Musterschülerin, du schaffst das nie – schalte ich sofort auf Verdrängung, so schnell es geht. Reaktion zwei ist der Beobachten-Modus. Der Gedanke darf da sein, ich schreibe ihn auf, und zehn Minuten später schaue ich noch einmal nach, ob er überhaupt noch stimmt. Beide fühlen sich im Moment plausibel an. Nur einer von beiden trägt auch dann noch, wenn gerade nichts Aufregendes passiert.
Was bringt der Kampf gegen die Gedanken wirklich?
Der Kampf-Modus hat einen Vorteil: Er fühlt sich sofort produktiv an. Aufgeschlagen, gelesen, abgehakt – so war das auch mit dem MPU-Vorbereitungsbuch, das ich mir im Herbst gekauft habe. Ich bin bis Seite vierzig gekommen, ordentlich, mit Textmarker, und habe es dann zugeklappt und nicht mehr angerührt. Nicht weil das Buch schlecht war, sondern weil ich es wie eine Prüfung behandelt habe, die ich möglichst schnell hinter mich bringen wollte, statt wie etwas, das mit mir mitwächst. Genau das ist das Problem am Kampf-Modus: Er behandelt jeden negativen Gedanken wie eine Aufgabe, die erledigt werden muss, damit endlich Ruhe einkehrt. Ruhe kommt so aber nie, weil der nächste Gedanke schon wartet.

Eine Freundin von mir macht das anders. Dienstagabends geht sie in ihren Nähkurs im VHS-Atelier Maxvorstadt, seit Jahren schon, und wenn ich sie frage, wie sie mit schlechten Wochen umgeht, zuckt sie nur mit den Schultern. Sie kommt einfach trotzdem. Kein Kampf, kein Vorsatz, nur die Nadel, der Stoff und der Dienstag, der immer wiederkommt. Das hat mich mehr über den Beobachten-Modus gelehrt als jedes Kapitel im Workbook.
Vielleicht ist das der eigentliche Unterschied zwischen den beiden Reaktionen: Der Kampf-Modus will, dass ich möglichst schnell wieder ‚normal' bin. Der Beobachten-Modus lässt zu, dass alkoholfreie Leben nach der Trunkenheitsfahrt einfach mein neuer Alltag wird, ohne dass ich mich jeden Tag dafür rechtfertigen muss.
Der Freitagabend auf dem Küchenboden zeigt den Unterschied
Neulich saß ich freitagabends auf dem Boden meiner Küche, während bei den Nachbarn eine Party lief – Bässe durch die Wand, Gelächter im Treppenhaus, irgendwer hatte die Wohnungstür offen gelassen. Früher wäre das ein Abend gewesen, an dem ich mir aus Trotz vorgestellt hätte, wie ein Glas Wein schmeckt. Diesmal saß ich einfach da, hörte den Kühlschrank hinter mir brummen, lauter als tagsüber, so kurz vor Mitternacht, und merkte: Ich hatte in der ganzen Zeit nicht eine Sekunde an Wein gedacht. Nicht weil ich mich zusammengerissen habe. Es kam einfach nicht vor.
Das ist der Beobachten-Modus in Aktion: Ich habe die Situation nicht bewertet, bevor sie vorbei war, sondern nur registriert, was tatsächlich passierte – und das war: nichts, keine Sehnsucht, kein Kampf. Genau darin liegt für mich der Unterschied zu einer ehrlichen Trinkanamnese, wie sie in der Vorbereitung immer wieder gefordert wird: Es geht nicht darum, sich nachträglich etwas schönzureden, sondern in Echtzeit zu merken, was gerade wirklich da ist – oder eben nicht da ist.
Am Wochenende gehe ich inzwischen oft in den Biergarten im Hirschgarten – nicht um dort zu trinken, sondern weil dort niemand komisch schaut, wenn ich eine Apfelschorle bestelle und einfach nur zwischen den Kastanien sitze. Das klingt banal, aber genau an solchen banalen Orten wird der Beobachten-Modus geübt, nicht in der großen Krisensitzung.

Auch die kleinen Punkte, mit denen ich schlechte Tage markiere, gehören für mich eher zum Beobachten-Modus als zum Kampf-Modus. Ein Punkt ist keine Bestrafung. Er ist nur eine Notiz: Das war heute so. Mehr nicht.
Wie eng die MPU Vorbereitung und der Umgang mit der Scham miteinander verknüpft sind, merke ich in genau solchen Momenten am deutlichsten: Scham nährt den Kampf-Modus, weil sie will, dass ich möglichst schnell ‚wieder okay' bin. Der Beobachten-Modus braucht diese Eile nicht.

Beim letzten Lehrgespräch kam kurz das psychologische Gespräch als Format selbst zur Sprache – wie viel davon Technik ist und wie viel einfach ehrliches Reden –, aber das würde hier zu weit führen. Der Abstinenznachweis läuft für mich inzwischen nebenher, fast automatisch, ohne dass ich jedes Mal groß darüber nachdenken muss. Die Medizinisch-Psychologische Untersuchung beschreibt das Verfahren an sich sehr nüchtern; was zwischen den Gesprächen in meinem Kopf passiert, steht in keinem Merkblatt.
Wählen, was gerade trägt
Wenn ich die beiden Reaktionen nebeneinanderlege, sieht die Entscheidung für mich inzwischen so aus: Den Kampf-Modus wähle ich noch, wenn eine akute Situation sofort eine klare Handlung braucht – das Glas wegstellen, den Raum verlassen, das Gespräch beenden. Er ist schnell, und er funktioniert für genau diesen einen Moment. Den Beobachten-Modus wähle ich für alles, was danach kommt: die Stunden allein auf dem Boden, die Fragen, die niemand beantworten kann, das Gefühl, nicht genug zu tun. Für den einen Moment: kämpfen. Für den Rest, der viel länger dauert: hinschauen und aufschreiben. Wer beides durcheinanderbringt, kämpft am Ende gegen sich selbst – ein Kampf, den man auf Dauer nicht gewinnen kann.
Mein Notizbuch bleibt heute Abend trotzdem offen liegen, aber nicht mehr, weil ich beweisen muss, dass ich kämpfe. Nur, weil ich aufschreiben will, was tatsächlich da war.