
Es ist dieser eine Moment am Sonntagabend, wenn die U7 Richtung Westfriedhof draußen leiser wird und die Stille in meiner Wohnung in Neuhausen fast körperlich spürbar wird. Ich sitze auf dem Küchenboden, der Stein ist kühl, und neben mir steht eine Tasse Tee, die ich vor einer Stunde aufgebrüht habe – inzwischen hat sich eine dünne, dunkle Haut auf der Oberfläche gebildet. Unter meinen Fingern spüre ich die raue Textur des Papiers meines Notizbuchs, in das ich gerade die Abstinenzwochen eingetragen habe, während mein Kopf mir wieder einmal einflüstern will, dass ich mit 36 Jahren eigentlich woanders stehen sollte als hier unten auf den Fliesen.
Diese Woche war hart. Es war nicht einmal ein großer Rückschlag, sondern dieses schleichende Gift der Selbstzweifel, das mich seit der formalen MPU-Aufforderung im November 2025 begleitet. Manchmal fühlt sich der Weg zurück zum Führerschein nicht wie eine Vorbereitung an, sondern wie ein endloses Warten in einem dunklen Flur, in dem man nicht weiß, wo die Tür ist. Ich nenne es das MPU-Loch – diese Phase zwischen dem ersten Schock nach der Kontrolle mit 1,4 Promille im Spätsommer und dem eigentlichen Termin, der noch so weit weg scheint.
Das Loch und die Angst vor dem gelben Auto
Vielleicht kennst du das auch: Jedes Mal, wenn ein gelber Postwagen vor meinem Haus in Neuhausen hält, zieht sich in meiner Brust alles zusammen. Es ist ein plötzliches Engegefühl, ein kurzes Stocken des Atems, weil ich immer noch befürchte, dass da noch ein offizieller Brief kommt, noch eine Forderung, noch eine Frist, die ich nicht einhalten kann. Obwohl ich seit September alles dokumentiere, jeden Termin bei der Verkehrspsychologin wahrnehme und meine Abstinenznachweise akribisch sammle, bleibt diese Angst.

Ich habe letzte Woche bei einer Geburtstagsfeier ein Glas Sekt vor mich hingestellt. Nur damit niemand fragt, warum ich nichts trinke. Ich habe es nicht angerührt, keinen einzigen Schluck, aber allein die Tatsache, dass ich diesen 'Test' brauchte, hat mich tagelang verfolgt. War das schon ein Zeichen mangelnder charakterlicher Eignung? Bin ich schwach, weil ich mich nicht getraut habe zu sagen: 'Ich trinke nicht, weil ich meinen Führerschein wegen Alkohol verloren habe'? Solche Gedanken kreisen dann stundenlang, während ich eigentlich nur versuchen sollte, das alkoholfreie Leben nach der Trunkenheitsfahrt als meinen neuen, besseren Alltag zu akzeptieren.
In diesen Momenten liegt das MPU-Masterplan-Workbook oft unberührt auf dem Couchtisch. Ich schaue es an und sehe nicht die Hilfe, die es mir eigentlich bietet, sondern nur die Erinnerung an den Samstagabend, an dem alles schiefging. Ich sehe die Frau, die versagt hat. Mit 36. Als ehemalige Office Managerin, die eigentlich alles im Griff haben sollte. Aber die Wahrheit ist: Ich hatte gar nichts im Griff, und das tut weh.
Warum negative Gedanken keine Feinde sind
Diesen Mittwoch hatte ich wieder ein Lehrgespräch bei meiner Verkehrspsychologin. Ich saß dort und habe ihr fast weinend erzählt, wie sehr mich diese negativen Spiralen fertigmachen. Ich dachte, ich müsste immer positiv sein, immer motiviert, immer die 'Musterschülerin' der MPU-Vorbereitung. Aber sie hat mir etwas gesagt, das alles verändert hat: Diese Gedanken sind kein Zeichen von Schwäche, sondern Teil der Aufarbeitung.
Sie erklärte mir, dass mein Unterbewusstsein diese Signale sendet, um mich zu schützen. Wenn ich mich schlecht fühle, wenn ich mich schäme, dann zeigt das, dass ich die Tragweite meiner 1,4 Promille wirklich verstanden habe. Es ist eine Form der Auseinandersetzung mit dem Trennungsvermögen zwischen Trinken und Fahren, das ich damals komplett verloren hatte. Anstatt gegen die negativen Gedanken anzukämpfen, versuche ich jetzt, sie als notwendige Warnsignale zu akzeptieren. Sie sind wie die kleinen Punkte in meinem Tagebuch – sie gehören dazu.

Erzwungene Positivität bringt bei der MPU gar nichts. Der Gutachter will keinen Roboter sehen, der alles perfekt weglächelt. Er will jemanden sehen, der durch den Schmerz der Erkenntnis gegangen ist. Ich bin keine Therapeutin und keine Beraterin, nur eine Frau, die Mist gebaut hat, aber ich lerne gerade, dass die dunklen Sonntage genauso viel wert sind wie die Tage, an denen ich stolz auf meinen ETG-Wert im Laborbericht schaue. Wer rechtliche Sicherheit braucht, sollte natürlich zum Anwalt, aber für den Kopf hilft mir dieser radikale Realismus gerade am meisten.
Kleine Alltagsanker gegen das Versinken
Was mache ich also konkret, wenn die Decke in Neuhausen mir mal wieder auf den Kopf fällt? Ich habe angefangen, meine 'schlechten' Momente sehr genau zu beobachten. Wenn ich merke, dass ich nur noch die Zimmerdecke anstarre und mich frage, wie ich jemals wieder als 'geeignet' gelten kann, greife ich zu kleinen Ankern. Manchmal ist das ein langer Spaziergang zum Schlosskanal, manchmal ist es das bewusste Durcharbeiten eines Kapitels im Workbook, selbst wenn ich mich dabei elend fühle.
Ich habe gemerkt, dass die MPU Vorbereitung und der Umgang mit der Scham eng miteinander verknüpft sind. Die Scham ist oft der Motor für die negativen Gedanken. Aber indem ich sie benenne – hier in meinem Notizbuch oder im Gespräch – verliert sie ihre Macht. Ich bin nicht mehr nur 'die Frau mit der Trunkenheitsfahrt', sondern eine Frau, die seit Monaten konsequent an sich arbeitet. Das sind jetzt 12 Monate Abstinenz, die ich nachweisen muss, und jede Woche ohne Alkohol ist ein Sieg, auch wenn er sich an einem verregneten Dienstag nicht so anfühlt.
Ein wichtiger Punkt für mich war auch, die ungeöffneten Mails von meiner ehemaligen Lieblings-Bar endlich zu löschen. Dieses Festhalten an alten Gewohnheiten hat nur neue negative Spiralen befeuert. Es ist ein Prozess des Loslassens, der Zeit braucht. Wikipedia beschreibt die Medizinisch-Psychologische Untersuchung oft sehr technisch, aber die emotionale Komponente, dieses tägliche Ringen mit sich selbst, steht in keinem offiziellen Dokument.

Der Blick nach vorn: Ein Sonntag nach dem anderen
Wenn ich heute auf meinen Küchenboden schaue, sehe ich immer noch die Frau, die Fehler gemacht hat. Aber ich sehe auch die Frau, die nicht aufgegeben hat. Ich weiß, dass ich noch einige Monate vor mir habe, bis ich das Gutachten in den Händen halte, das hoffentlich meine charakterliche Eignung bestätigt. Bis dahin werde ich weiterhin jeden Sonntagabend hier sitzen, meinen kalten Tee trinken und mein Tagebuch führen.
Falls du gerade selbst in diesem Loch steckst: Es ist okay, verzweifelt zu sein. Es ist okay, wenn das Workbook mal eine Woche lang zustaubt. Wichtig ist nur, dass du wieder aufstehst. Dass du den nächsten Termin bei der Vorbereitung wahrnimmst, auch wenn du dich klein fühlst. Die negativen Gedanken sind kein Hindernis auf dem Weg zurück zum Führerschein – sie sind die Steine, aus denen wir die neue Straße bauen.
Ich schließe jetzt mein Notizbuch. Morgen ist Montag, eine neue Woche ohne Auto, eine neue Woche mit der U7, aber auch eine neue Woche, in der ich mir selbst beweisen kann, dass ich aus meinen Fehlern lerne. Ein kleiner Punkt im Kalender für heute – es war ein schwieriger Tag, aber er ist geschafft. Und das ist im Moment alles, was zählt.