
An der Kasse im Supermarkt in der Augustenstraße lege ich eine Flasche Ingwerlimo aufs Band, und der Mann hinter mir schaut, als hätte ich mich in der Abteilung geirrt. So sieht alkoholfrei leben nach einer Trunkenheitsfahrt in Neuhausen aus — kein Drama, keine Willensprobe, nur eine Limo, die niemanden etwas angeht. Genau da steckt der Irrtum, den ich am Anfang selbst geglaubt habe.
Kurz vorab, bevor ich weiterschreibe: Dieser Beitrag enthält Affiliate-Links. Kaufst du über einen davon etwas — zum Beispiel das Workbook, mit dem ich selbst arbeite —, bekomme ich eine kleine Provision, und für dich bleibt der Preis gleich. Ich empfehle nur, was ich auf meinem eigenen Weg zurück zum Führerschein wirklich benutzt habe. Und damit das klar ist: Ich bin keine Psychologin, keine Anwältin, keine Therapeutin. Das hier ist kein Rechtsrat und ersetzt keine Suchtberatung. Wer rechtliche Fragen hat, geht zum Fachanwalt für Verkehrsrecht; bei Alkoholproblemen sind Suchtberatungsstellen die richtige Adresse.
Der größte Irrtum über das alkoholfreie Leben
Viele glauben, das Schwerste nach dem Führerscheinverlust sei, dem Glas zu widerstehen — jeden Abend ein Kampf, ein ständiges Nein. Bei mir ist es umgekehrt. Das Nein zum Wein ist das Langweiligste am Tag geworden, eine Entscheidung, die früh fällt und dann liegen bleibt. Schwer ist der Rest: der Alltag drumherum, das Erklären, das neue Bild von mir selbst.
Ich lebe jetzt seit fast einem Jahr ohne Alkohol, und das sage ich nicht als Erfolgsmeldung, sondern als Ausgangspunkt. Wer nur auf die Willenskraft starrt, übersieht die eigentliche Arbeit und macht sie sich damit schwerer, als sie sein müsste.

Warum ist der Verzicht gar nicht der schwerste Teil?
Der schwerste Teil ist das Vorher. Die Sekunde, in der jemand eine Runde bestellt und alle Gläser heben, entscheidet nichts mehr — da reagiere ich nur noch. Deshalb lege ich es vorher fest: bevor ich zur Tür rausgehe, steht fest, was in meinem Glas ist und was ich sage, wenn gefragt wird. Nicht am Tresen, nicht im Moment. Das ist die eine Regel, die bei mir wirklich funktioniert.
Früher hätte ich das Glas einfach vor mich gestellt und so getan, als würde ich nippen, damit keiner fragt. Genau das ist der Fehler, den die Willenskraft-Erzählung erzeugt: Man tarnt sich, statt es zu sagen. Ein volles Glas, das man den ganzen Abend bewacht, ist anstrengender als ein einziger Satz Wahrheit.
Als ich einer früheren Kollegin am Telefon zum ersten Mal alles offen gesagt habe — die Kontrolle, den verlorenen Führerschein, die MPU, ohne es weichzuspülen —, habe ich hinterher nicht geweint, und das hat mich mehr überrascht als alles andere.
Vorher entscheiden, nicht im Moment kämpfen
Was mir hilft, ist Struktur statt Bauchgefühl. Das Workbook, mit dem ich arbeite — MPU Masterplan Alkohol —, ist genau deshalb nützlich: Es verlangt keine größere Willenskraft, sondern ehrliche Fragen im eigenen Tempo, und das ist für mich der ehrlichste Teil der MPU-Vorbereitung. An guten Tagen komme ich ein paar Seiten weiter, an schlechten gar nicht, und wenn es zu lange liegen bleibt, fange ich ein Modul lieber noch mal von vorne an.
Am Anfang hatte ich mir fest vorgenommen, gleich nach Weihnachten richtig loszulegen — und dann lag das Workbook lange zu, während ich mir einredete, der Kopf sei noch nicht so weit. Das Vorsatz-Datum hat nichts verändert. Etwas verändert hat sich erst, als ich aufgehört habe, auf den perfekten Startpunkt zu warten.
Eine Bekannte aus einem MPU-Forum arbeitet mit dem FLEX3 Online MPU Drogen Kurs — bei ihr geht es um andere Substanzen, um einen anderen Fall als meinen. Für Alkohol ist das wenig direkt verwertbar, ich kann nur aus zweiter Hand davon erzählen. Der Kern bleibt derselbe: sich selbst ansehen, ohne wegzuschauen.
Diese Fragen verlangen Ehrlichkeit über die eigenen Muster — es geht um das, was die Verkehrspsychologin Trennungsvermögen nennt. Ein Teil davon ist, dass ich meine MPU Fragen zum Alkoholkonsum ehrlich beantworten lerne.
Bei der Kontrolle waren es 1,4 Promille — eine Zahl, die ich mir damals schöngeredet habe, als wäre sie nach ein paar Stunden Schlaf einfach weg. Heute fahre ich mit der U-Bahn am Rotkreuzplatz vorbei zu meinen Terminen und weiß: Der Fehler war nicht das Pech, sondern der Gedanke, ich hätte alles im Griff.

Alkoholfrei leben als ganz normaler Alltag in Neuhausen
Der neue Alltag ist unspektakulär, und das ist das Beste daran. Eine Freundin fährt beim Stadtradeln den Radweg Richtung Dachau und fragt jedes Mal, ob ich nicht mitkomme; manchmal tue ich es, meistens bleibe ich mit einem Buch zu Hause. Die schlechten Tage gibt es weiter — an ihnen mache ich weiter, was ich angefangen habe: meine schlechten Tage mit einem kleinen Punkt zu markieren, nicht weil ich getrunken hätte, sondern weil die Anspannung gewonnen hat.
Bei der Verkehrspsychologin bin ich inzwischen weniger wütend auf das System und mehr ehrlich zu mir. In meinem früheren Erfahrungsbericht zur ersten Beratung beim Verkehrspsychologen klang das noch ganz anders — da suchte ich die Schuld überall, nur nicht bei der Person, die betrunken ins Auto gestiegen ist.
Der Abstinenznachweis läuft im Hintergrund mit, jede Haaranalyse ein kleiner Test für die Nerven — mehr dazu erzähle ich hier nicht, das ist eine eigene Geschichte.

Das Workbook ist ein Werkzeug, kein Ersatz für einen echten Menschen
Trotz aller Struktur spiegelt mir ein Workbook nicht, wie ich wirklich wirke. Für die echten Knoten braucht es einen Profi, und wer merkt, dass ihm das alles über den Kopf wächst, sollte zu einer richtigen Beratung gehen. Es geht um Trinkanlässe und wie man sie analysiert, aber die ehrliche Trinkanamnese dahinter ersetzt kein Gespräch mit einem Menschen.
Wer gerade neu ohne Führerschein dasteht und denkt, jetzt beginne ein Leben aus lauter Verzicht: Das stimmt nicht. Alkoholfrei leben ist kein Dauerkampf gegen das Glas, sondern eine Reihe kleiner Entscheidungen, die man vorher trifft und dann in Ruhe lässt. Spätabends, wenn in der Wohnung sonst nichts mehr ein Geräusch macht, brummt der Kühlschrank lauter als tagsüber — und der Kopf bleibt ruhig. Das ist der eigentliche neue Alltag.