Wieder am Steuer

Sonntagabend in Neuhausen: Der gelbe Umschlag und mein erster Blick in den Masterplan

Es war dieses eine Geräusch. Das Klatschen von schwerem, gelbem Papier auf dem Parkett im Flur, genau in dem Moment, als ich den Wasserkocher für meinen Tee eingeschaltet habe. Ich wusste sofort, was da liegt. Zehn Wochen nach der Hochzeit, nach diesen 1,4 Promille, ist es jetzt offiziell: Die Aufforderung zur MPU ist da.

Kurzer Hinweis für dich: In meinem Tagebuch teile ich alles, was ich gerade durchmache. Dabei verlinke ich manchmal auch die Workbooks, mit denen ich arbeite. Wenn du über diese Affiliate-Links etwas kaufst, erhalte ich eine Provision – für dich ändert sich am Preis absolut nichts. Ich zeige hier nur, was ich selbst nutze. Aber denk dran: Ich bin keine Psychologin oder Anwältin. Wenn es brenzlig wird, such dir bitte echte Profis wie eine Suchtberatung oder einen Fachanwalt.

Der Moment, in dem die Scham einen Namen bekommt

Ich stand da, in meiner Küche in Neuhausen, und habe einfach nur auf diesen Umschlag gestarrt. Er sah so harmlos aus, fast wie Werbung für einen neuen Lieferdienst. Aber das Beamtendeutsch darin – „Aufforderung zur Beibringung eines Gutachtens zur Klärung der charakterlichen Eignung“ – hat sich angefühlt wie eine Ohrfeige. Plötzlich waren diese 1,4 Promille nicht mehr nur eine Zahl aus der Polizeikontrolle Ende August, sondern ein Urteil über mich als Person.

Ich bin 36 Jahre alt. Ich war Office Managerin. Ich habe Prozesse optimiert und Meetings koordiniert. Und jetzt sitze ich hier und muss beweisen, dass ich „charakterlich geeignet“ bin, ein Auto zu führen. Das ist der Punkt, an dem die Selbstironie kurz Pause macht und die nackte Panik übernimmt. Ich habe den Brief erst mal ungeöffnet auf den Stapel mit der ungeliebten Post gelegt, direkt neben die Mail von meiner ehemaligen Lieblings-Bar, die ich seit September konsequent ignoriere.

Draußen quietscht die Tram 12 Richtung Rotkreuzplatz. Das Geräusch kenne ich in- und auswendig. Früher war es das Signal für „Ich bin gleich da“, heute erinnert es mich nur daran, dass ich ohne das MVG-Abo komplett aufgeschmissen wäre. Und da wurde mir erst richtig bewusst, wie gut ich es eigentlich habe – so absurd das klingt.

Ein Gedanke an die, die nicht in Neuhausen wohnen

Während ich da saß, musste ich an eine Bekannte aus einem Forum denken, die irgendwo tief in Niederbayern lebt. Sie hat mir geschrieben, dass sie ohne Führerschein nicht mal zum Supermarkt kommt, geschweige denn zur Arbeit oder zum MPU-Vorbereitungskurs. In der Stadt schimpfen wir über die U7, wenn sie mal drei Minuten Verspätung Richtung Westfriedhof hat. Aber dort draußen? Da bricht ohne Auto das komplette Leben zusammen.

Diese logistischen Hürden auf dem Land sind brutal. Wenn du dort lebst, kannst du nicht einfach spontan zur Abstinenz-Urinkontrolle fahren, wenn der Anruf kommt. Du musst jemanden anbetteln, dich zu fahren, oder Stunden im Bus verbringen. Das macht den psychischen Druck noch mal zehnmal schlimmer. Ich hier in Neuhausen kann wenigstens im Dunkeln zum Briefkasten schleichen, ohne dass das ganze Dorf zuschaut, wie ich mein Fahrrad schiebe.

Sonntagabend auf dem Küchenboden

Heute ist Sonntag, der 16. November 2025. Mein Tee ist längst kalt, aber ich habe mich endlich getraut. Ich sitze auf dem Boden, den Rücken gegen den Kühlschrank gelehnt, und habe zum ersten Mal mein neues Projekt geöffnet: Der MPU Masterplan Alkohol. Ich habe lange gezögert, die 484 Euro auszugeben. Es ist viel Geld, fast eine ganze Monatsmiete (naja, fast, wir sind in München). Aber ich brauche einen Plan. Ich kann nicht mehr nur die Decke anstarren.

Das Workbook lag vor mir, und ich spürte das raue Papier meines Notizbuchs unter meinen Fingern. Ich wollte eigentlich nur kurz reinschauen, aber dann bin ich direkt im ersten Modul hängengeblieben. Es geht um die Motive. Warum habe ich getrunken? Und warum habe ich mich danach ans Steuer gesetzt?

Ein Moment der Wahrheit: Ich habe versucht, die Reflexionsfragen im Workbook nur im Kopf zu beantworten. „Ja, war halt eine Hochzeit, Sektempfang, Wein zum Essen, du kennst das ja.“ Aber als ich den Stift in der Hand hielt, merkte ich, wie sehr ich mich selbst belüge. Wenn ich es nicht aufschreibe, bleibt es vage. Und vage Antworten bringen mich nicht durch das Lehrgespräch beim Gutachter.

Das hässliche Wort: Trennungsvermögen

Dann kam dieses Wort: Trennungsvermögen. Ein flaues Ziehen in der Magengrube breitete sich aus, als ich die Definition las. Es geht nicht darum, ob man mal zu viel trinkt. Es geht darum, dass man nicht mehr unterscheiden kann, wann man noch fahren darf und wann nicht. Oder schlimmer: Dass es einem in dem Moment egal ist.

Ich dachte an diesen Samstagabend im Spätsommer zurück. Ich hatte das Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben. Ich dachte, ich bin eine verantwortungsbewusste Frau von 36 Jahren. Aber die Realität ist: Ich hatte an jenem Abend absolut kein Trennungsvermögen mehr. Das zuzugeben, tut weh. Es kratzt an meinem Selbstbild als „organisierte Office Managerin“. Ich sitze jetzt hier wie eine Schulschwänzerin vor einem Modul über Alkoholkonsum-Motive und muss ganz von vorne anfangen.

Ich habe am Freitag bei einer kleinen Geburtstagsfeier im Büro ein Glas Sekt vor mich hingestellt, nur damit niemand fragt, warum ich nichts trinke. Ich habe es nicht angerührt, keinen Schluck. Aber es war ein dummer Test. Ich wollte mir beweisen, dass ich „stark“ bin. Im Workbook steht aber ganz klar, dass solche Spielchen am Anfang der Abstinenzphase gefährlich sind. Man muss nicht testen, wie nah man dem Abgrund kommen kann, ohne zu fallen.

Was diese Woche hängen bleibt

Diese erste Woche nach dem Brief war ein emotionaler Schleudergang. Von „Ich schaff das schon“ bis zu „Ich verkauf das Auto einfach und zieh weg“ war alles dabei. Aber der Masterplan gibt mir zumindest eine Struktur. Auch wenn ich manchmal zwei Wochen brauche, um ein Modul wirklich ehrlich abzuschließen, ist es besser als nichts zu tun.

Hier sind meine Fakten für heute Abend:

Ich weiß, dass noch viele ETG-Werte und Haaranalysen vor mir liegen. Ich weiß, dass ich mich noch oft fragen werde, wie ich so dumm sein konnte. Aber für heute reicht es, dass ich das erste Modul nicht nur gelesen, sondern wirklich angefangen habe. Ich investiere diese Zeit und das Geld in eine Frau, die in Zukunft weiß, wann sie das Auto stehen lassen muss – ohne Wenn und Aber.

Falls du auch gerade diesen gelben Brief bekommen hast: Du bist nicht allein auf dem Küchenboden. Wenn du nach einer Struktur suchst, die sich nicht wie ein trockenes Gesetzbuch liest, schau dir den MPU Masterplan Alkohol an. Er ist hart, er stellt die richtigen (und schmerzhaften) Fragen, aber er ist ehrlich. Und Ehrlichkeit ist das Einzige, was uns jetzt weiterbringt.

Gute Nacht aus Neuhausen. Nächsten Sonntag erzähle ich euch, wie mein erster Termin bei der Verkehrspsychologin war. Ich habe jetzt schon weiche Knie.