Kontrolliertes Trinken hat unter allen, die auf eine Alkohol-MPU zulaufen, einen Ruf: der mildere Weg, verglichen mit kompletter Abstinenz. Man muss ja nicht ganz aufhören, sagt sich fast jede und jeder von uns im ersten Moment. Man muss nur lernen, klüger zu trinken. Das war auch mein erster Gedanke, als der Brief mit der offiziellen Aufforderung im Briefkasten lag. Inzwischen sehe ich das anders – nicht weil mir das jemand ausgeredet hat, sondern weil ich beide Wege ziemlich gründlich durchprobiert habe.
Bevor es weitergeht, kurz zur Einordnung: Ich bin keine Verkehrspsychologin, keine Anwältin und keine Therapeutin, nur eine Office Managerin aus München-Neuhausen, die nach einer Kontrolle mit deutlich zu viel Promille im Blut ihren Führerschein abgeben musste. Was hier steht, sind persönliche Erfahrungen aus meiner eigenen MPU-Vorbereitung, keine Rechtsberatung. Wenn du über einen Link in diesem Text etwas kaufst, zum Beispiel das Workbook, mit dem ich selbst arbeite, bekomme ich eine kleine Provision – für dich ändert sich am Preis nichts. Bei akuten Alkoholproblemen sind Suchtberatungsstellen oder der Hausarzt die richtige Anlaufstelle, nicht dieser Blog.
Kontrolliertes Trinken klingt leichter, ist es aber nicht
Der Gedanke an das erste Glas Wein bei einem Geschäftsessen war für mich der Kern der ganzen Sache. Ich bin 36, war mitten im Berufsleben als Office Managerin, und die Vorstellung, nie wieder mit früheren Kollegen anzustoßen oder bei einer Bewirtung im Außendienst nur am Wasserglas zu nippen, kam mir absurd vor. Kontrolliertes Trinken versprach etwas Bestimmtes: du bleibst gesellschaftsfähig, du musst nicht diejenige sein, die bei jeder Feier erklären muss, warum sie nichts trinkt.
Wo genau die Promillegrenzen liegen, ab denen eine Alkohol-MPU überhaupt greift, und wo die Grenze zur absoluten Fahruntüchtigkeit verläuft, steht in der Fahrerlaubnis-Verordnung und im Strafgesetzbuch § 316 nachzulesen – die einzelnen Zahlen lasse ich hier bewusst weg, das gehört in einen anderen, trockeneren Beitrag. Was für mich zählte, war die Konsequenz danach: Der Führerschein war weg, und die Behörde wollte von mir hören, wie ich in Zukunft mit Alkohol umgehen will.
Das verlangt Kontrolliertes Trinken wirklich
In der Theorie ist Kontrolliertes Trinken kein fauler Kompromiss, sondern ein eigenes, anspruchsvolles Programm mit festen Regeln: eine begrenzte Zahl an Trinkanlässen im Jahr, ein Trinktagebuch, eine ehrliche Selbstbeobachtung nach jedem Anlass. Ich habe im MPU Masterplan Alkohol versucht, genau diese Anlässe fürs Jahr vorzuplanen, und selbst das fühlte sich an wie eine Buchhaltung für mein soziales Leben. Bei einer Geburtstagsfeier stellte ich mir einmal ein Glas Sekt hin, nur damit niemand fragt. Ich habe es nicht angerührt, aber ich habe die ganze Feier über im Kopf durchgerechnet, ob das jetzt als einer meiner erlaubten Anlässe zählen würde. Das war kein Erfolg. Das war Dauerstress mit einem Glas als Requisite.
Am Telefon mit einer früheren Kollegin habe ich neulich zum ersten Mal wirklich alles erzählt, ohne etwas schönzureden, und danach, zu meiner eigenen Überraschung, keine einzige Träne. Genau dieser Unterschied, zwischen Taktieren und Ehrlichsein, ist für mich der eigentliche Punkt, nicht die Frage, wie viele Gläser im Jahr erlaubt sind. An der eigenen Einstellung zum Alkohol zu arbeiten, hat mit genau dieser Ehrlichkeit angefangen, nicht mit einer neuen Regel. Die Fragen zum Trennungsvermögen im Workbook drehen sich im Kern um dasselbe, aber das ist ein Kapitel für sich.
Du möchtest nicht die „Komische" sein
Eine Frau aus einem Online-Forum für Alkohol-MPU, Susanne Bäuerle aus Augsburg, hat unter meinem allerersten Beitrag dort zwei Sätze geschrieben, die mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf gehen: Sie habe ein Jahr lang kontrolliert getrunken und dabei vor allem gelernt, wie man sich selbst belügt, ohne dabei zu lügen. Kein Drama, keine Selbstanklage, nur diese eine nüchterne Feststellung. Genau das hat mich am meisten überzeugt: Es sind selten die Extremfälle, die an Kontrolliertem Trinken scheitern, sondern ziemlich normale Leute, die sich an der ständigen Verhandlung mit sich selbst zermürben.
Ich war dreimal bei einer Selbsthilfegruppe, saß im Stuhlkreis, habe zugehört. Beim vierten Termin bin ich einfach nicht mehr hingegangen, nicht weil es schlecht war, sondern weil ich in diesem Format nicht ankam. Was stattdessen half, war unspektakulär: Dirk, ein ehemaliger Arbeitskollege, hat mich ein paarmal einfach die Augustenstraße rauf mitgenommen, ohne groß zu fragen, warum ich gerade kein Auto habe. Er redet nicht viel darüber, er handelt einfach. Manchmal ist das mehr wert als jedes Gespräch im Stuhlkreis.
Der Verzicht kostet am Ende weniger Kraft
Abstinenz klingt nach dem härteren Weg, aber in meiner Erfahrung ist sie der Weg mit weniger Verhandlungsmasse. Es gibt keine Frage mehr, ob ein Glas Sekt bei einer Feier zählt, kein Abwägen zwischen Anlässen, keine Buchhaltung im Kopf. Nur Ja oder Nein, und Nein ist bei mir immer die Antwort. Das war überraschend erleichternd, kein Verlust.
Ein Abstinenznachweis ist dabei kein Rabatt gegenüber Kontrolliertem Trinken, sondern genauso viel Aufwand, nur anders verteilt. Wie so ein Nachweis in der Praxis konkret abläuft, verdient einen eigenen, ausführlicheren Beitrag, hier nur so viel: Er begleitet mich jetzt auch bei der ärztlichen Untersuchung, bei der meine Werte für sich sprechen sollen, ohne dass ich irgendetwas erklären oder schönreden muss. Genau diese Ruhe fehlte mir beim Plan mit dem Kontrollierten Trinken komplett. Auf das psychologische Gespräch selbst gehe ich hier bewusst nicht ein, dazu schreibe ich an anderer Stelle mehr.
So entscheidest du für dich selbst
Falls du gerade zwischen beiden Wegen stehst: Achte weniger darauf, welcher Weg sich nach außen vernünftiger anhört, und mehr darauf, wie du dich beim Planen fühlst. Kostet dich das Vorausdenken der nächsten erlaubten Trinkanlässe mehr Kraft, als der komplette Verzicht kosten würde? Bei mir war die Antwort eindeutig, sobald ich ehrlich hingeschaut habe. Wenn dich das Verhandeln mit dir selbst mehr auslaugt als ein klares Nein, ist Abstinenz vermutlich nicht der harte, sondern der leichtere Weg für dich.
Die Analyse meiner Trinkanlässe im Workbook hat mir am meisten dabei geholfen, diesen Unterschied überhaupt zu sehen, wie viel von meinem alten Plan eigentlich Bildpflege war und wie wenig er mit echter Kontrolle zu tun hatte. An schlechten Tagen führe ich inzwischen ein kurzes Protokoll dafür, aber das ist eine andere Geschichte, die ich ein andermal ausführlicher erzähle.
Was die Begutachtungsleitlinien im Detail zu beiden Wegen sagen und was in der eigenen Akteneinsicht steht, sind zwei weitere Kapitel, die ich bewusst für andere Beiträge aufhebe – hier ging es mir nur um die Entscheidung selbst. Für mich war der MPU Masterplan Alkohol das Werkzeug, mit dem ich diese Entscheidung überhaupt sauber durchdenken konnte, statt mich allein im Kreis zu drehen. Leicht macht das die Sache nicht automatisch. Aber es gibt einem eine Struktur, wenn sich das eigene Leben gerade eher wie eine Wanderkarte im Nebel anfühlt als wie ein klarer Plan.