
Vier Minuten. So lange hat die komplette körperliche Untersuchung bei mir gedauert. Das war kürzer, als ich am Empfang auf das Anmeldeformular gewartet habe. Für mein Neuhausener Sonntagabend-Tagebuch ist das eine seltsame Erkenntnis: Die ärztliche Untersuchung, einer der drei Bausteine der Alkohol-MPU, macht in meinem Kopf mehr Lärm als jede einzelne Zahl auf meinem Abstinenznachweis. Was wirklich auf mich zukam, will ich hier festhalten, bevor ich es mir selbst schönrede.
Hinweis: In diesem Tagebuch teile ich ausschließlich meine persönliche Sicht auf die Dinge. Dieser Beitrag enthält Affiliate-Links – wenn du darüber etwas kaufst, bekomme ich eine Provision, ohne dass es für dich teurer wird. Empfehlen kann ich hier nur das Workbook, das ich selbst durcharbeite. Wichtig: Ich bin keine Ärztin, keine Anwältin und keine Therapeutin. Dieses Tagebuch ersetzt keine Rechtsberatung durch einen Fachanwalt für Verkehrsrecht und keine medizinische Beratung durch eine Suchtberatungsstelle.
Zwei Bilder von der ärztlichen Untersuchung, die nicht zusammenpassen
Im Internet kursiert ein Bild von dieser Untersuchung, das mit der Realität wenig zu tun hat. Foren sind voll von Tipps, wie man Leberwerte kurzfristig 'optimiert', mit Artischockenkapseln oder speziellen Tees. Das zweite Bild, das ich inzwischen kenne, sieht anders aus: eine Ärztin, die sich nicht auf einen einzelnen Wert versteift, sondern das Gesamtbild ansieht – Blutbild, Reflexe, Gespräch, alles zusammen.
Meine Freundin geht dienstags abends zu ihrem Nähkurs im VHS-Atelier in der Maxvorstadt, mit demselben Ablauf jedes Mal: Stoff glattstreichen, Nadel einfädeln, von vorne beginnen, wenn ein Stich schiefsitzt. Bei mir läuft es mit dem Vorbereitungsmaterial ähnlich strukturiert ab – nur dass ein schiefer Stich bei mir bedeutet, dass ich ein ganzes Kapitel noch einmal lese.
Der gesetzliche Grenzwert für die absolute Fahruntüchtigkeit liegt in Deutschland bei 1,1 Promille. Ich lag mit 1,4 deutlich darüber, und genau das ist der Grund, warum der Arzt bei mir nicht nur oberflächlich hinschaut. Ein einmaliger Ausrutscher sieht anders aus als ein Körper, der gelernt hat, mit Alkohol zu funktionieren.

Die Blutentnahme prüft mehr als ein Versprechen
Vieles davon habe ich aus dem MPU Masterplan Alkohol gelernt, aus dem Kapitel zur ärztlichen Untersuchung. Bei der Blutentnahme geht es um mehr als ein einzelnes Ergebnis. Neben den klassischen Leberwerten schaut sich die Ärztin einen Wert an, über den ich vorher nichts wusste: den CDT-Wert. Der muss dauerhaft unter 1,7 % liegen, und nach regelmäßigem Alkoholkonsum bleibt er bis zu vier Wochen lang erhöht messbar – selbst wenn ich in der Zwischenzeit komplett abstinent gelebt habe.
Diesen Wert habe ich am Anfang für einen weiteren Leberwert gehalten, bis mir klar wurde, dass er etwas anderes misst: nicht den einen Moment, sondern die Gewohnheit dahinter. Ein Ausrutscher am Wochenende reicht nicht aus, um ihn zu verändern. Erst ein wiederkehrendes Muster hinterlässt eine Spur, die sich messen lässt.
Neben dem Blutbild prüft die Ärztin auch Reflexe und Gleichgewicht, unter anderem mit dem Romberg-Test. Man steht mit geschlossenen Augen, Füßen zusammen, Armen nach vorne gestreckt, und muss einfach nur stehen bleiben.
Ich habe genau das neulich zuhause im Flur ausprobiert. Kaum hatte ich die Augen zu, schwankte ich schon, während zwei Straßen weiter die U7 vorbeirauschte, gedämpft durch die Wände, im immer gleichen Rhythmus von etwa zwölf Minuten. Früher habe ich ein Büro mit vierzig Leuten geleitet, und jetzt kann ich nicht mal zehn Sekunden ruhig auf einem Bein stehen, ohne zu wackeln.
Kein Kommentar von der Ärztin danach. Nur ein Haken auf einem Formular.

Warum ein einzelner Bluttest nicht reicht
Ein einzelner Bluttest zeigt nur eine Momentaufnahme, und genau deshalb verlangt die Begutachtungsstelle mehr als das. Wer über einen längeren Zeitraum nachweisen kann, dass nichts passiert ist, hat ein stärkeres Argument als ein einzelnes gutes Ergebnis. Genau darum geht es beim Abstinenznachweis für die MPU – ein anderes Verfahren, über das ich an anderer Stelle ausführlicher schreibe.
Für mich persönlich heißt das: Der Termin bei der Ärztin ist nur ein einzelner Punkt auf einer viel längeren Linie. Am Tag der Untersuchung selbst bin ich am Stiglmaierplatz umgestiegen, ein paar Minuten zu früh dran, und habe die Wartezeit mit einem Kaffee am Kiosk überbrückt, um nicht mit zitternden Händen im Wartezimmer zu sitzen.
Zwei Prüfungen nebeneinanderlegen
Die ärztliche Untersuchung und das psychologische Gespräch werden oft in einen Topf geworfen, dabei prüfen sie fast das Gegenteil voneinander. Beim psychologischen Gespräch geht es um Worte, um Widersprüche, um die Geschichte, die ich über mich selbst erzähle. Bei der ärztlichen Untersuchung zählen Zahlen und Körperreaktionen, die sich nicht so leicht schönreden lassen wie ein Satz.
Das Lehrgespräch prüft unter anderem das sogenannte Trennungsvermögen, also ob ich Trinken und Fahren wirklich auseinanderhalten kann – ein Thema für sich, das ich hier nicht aufmachen will. Wer nur auf die Zahlen aus dem Labor schaut, unterschätzt, wie viel im Gespräch noch offengelegt wird. Wer nur auf die Worte im Gespräch achtet, unterschätzt, wie viel der Körper längst verraten hat. Beides zusammen ergibt erst das Bild, das die Begutachtungsstelle am Ende sehen will.
Das Vorbereitungsbuch, das ich zugeklappt habe
Vor einer Weile habe ich mir ein allgemeines MPU-Vorbereitungsbuch besorgt, aus der Bibliothek, nicht das Workbook, das ich sonst benutze. Ich bin bis Seite vierzig gekommen, dann habe ich es zugeklappt und nicht mehr angerührt. Zu trocken, zu sehr Lehrbuch, zu wenig mit dem zu tun, was in meinem Kopf tatsächlich vorging.
Beim Workbook lief es anders. Ich schlage es irgendwann zwischendurch auf und wundere mich, dass ich schon bei Seite siebenundvierzig bin, ohne mich an jede einzelne Seite dazwischen erinnern zu können.
Eine Bekannte aus einem MPU-Forum nutzt aus anderen Gründen den FLEX3 Online Kurs für Drogen – anderes Thema, gleiche Grundhaltung: Wer sich selbst konsequent ehrlich beantwortet, kommt weiter als jemand, der nach Abkürzungen sucht.
Am Ende zählt, was mein Körper zeigt
Was am Ende zählt, ist nicht, wie sehr ich mich vor der Untersuchung fürchte, sondern was mein Körper tatsächlich zeigt, wenn der Tag da ist. Die Zahlen lügen nicht, aber sie verurteilen auch nicht – sie beschreiben nur, wo ich gerade stehe.
Schlechte Tage markiere ich nach wie vor mit einem Punkt in meinem Heft, aber das ist eine andere Geschichte für ein anderes Mal. Die Anamnese fragt außerdem nach der ganzen Trinkgeschichte, und wie ehrlich ich diese Geschichte wirklich erzähle, ist wieder ein eigenes Thema.
Wenn du selbst kurz vor dieser Untersuchung stehst: Fang an, ein eigenes Protokoll zu führen, egal wie unordentlich es aussieht. Schau dir, wenn du eine Struktur brauchst, den MPU Masterplan an – bei mir hilft er, die Angst in überschaubare Kapitel zu zerlegen, eines nach dem anderen.