
Es ist Sonntagabend in Neuhausen, Anfang Juni. Draußen ist es noch hell, die Luft riecht nach Sommerregen und Grillkohle vom Balkon nebenan, aber ich sitze hier auf meinem Küchenboden. Die Fliesen sind kühl an meinen Oberschenkeln, während ich mich gegen den Kühlschrank lehne und auf einen Stapel ausgedruckter Blätter starre: 'Die 100 wichtigsten MPU-Fragen'. Mein Pfefferminztee ist längst kalt geworden. Ich habe diese Fragen diese Woche bestimmt zum zehnten Mal durchgelesen, als wären sie Vokabeln für ein Vokabeltest in der neunten Klasse. Aber je mehr ich versuche, die 'perfekten' Antworten in meinen Kopf zu hämmern, desto hohler fühlen sie sich an.
Kurzer Hinweis, bevor ich mich weiter ausheule: Dieser Blog enthält Affiliate-Links. Wenn du über diese Links etwas kaufst, erhalte ich eine kleine Provision, ohne dass es für dich teurer wird. Ich teile hier nur Dinge, die ich wirklich selbst nutze, wie mein Workbook. Wichtig: Ich bin keine Psychologin, keine Anwältin und keine MPU-Beraterin. Ich bin eine 36-jährige Office Managerin, die ihren Führerschein verloren hat. Für rechtliche Fragen geh zum Anwalt, für gesundheitliche zur Suchtberatung. Meine ganze Geschichte findest du auf der Über-mich-Seite.
Warum mein auswendig gelernter "Sprechzettel" kläglich versagt hat
Ich erinnere mich noch genau an den Abend Ende letzten August. Die Hochzeit, der Sekt, der Wein, die Überzeugung 'Ich schaff das schon nach Hause'. Dann die Kontrolle. 1,4 Promille. Das ist weit über dem Wert von 1,1 Promille, der in Deutschland als absolute Fahruntüchtigkeit gilt. Als im November der Brief mit der MPU-Aufforderung kam, dachte ich noch: 'Okay, du hast ein ganzes Büro geleitet, du kannst dich auf eine Prüfung vorbereiten.' Ich suchte nach einem Fragenkatalog. Ich wollte wissen, was ich sagen muss, damit der Gutachter zufrieden ist.
Aber genau da liegt der Fehler. Ich habe am Freitag bei einer Geburtstagsfeier ein Glas Sekt vor mich hingestellt, nur damit niemand fragt, warum ich nichts trinke. Ich habe es nicht angerührt, keinen Schluck. Aber es war ein dummer, kleiner Test an mich selbst – und ich habe gemerkt, dass kein auswendig gelernter Satz der Welt mir in diesem Moment geholfen hätte, wenn ich nicht verstanden hätte, warum ich dieses Glas eigentlich da stehen habe. Die MPU-Fragen sind keine Wissensfragen. Sie sind ein Spiegel. Und in einen Spiegel kann man nicht reinlügen, ohne dass es schief aussieht.

Der Moment, in dem die Verkehrspsychologin schwieg
Letzten Mittwoch hatte ich wieder einen Termin bei meiner Verkehrspsychologin. Ich kam mir so schlau vor. Ich hatte eine Antwort auf die Frage nach meinem Trennungsvermögen vorbereitet, die ich eins zu eins aus einem Forum kopiert hatte. Ich ratterte sie runter: 'Ich habe erkannt, dass Alkohol und Autofahren strikt zu trennen sind...' – und dann schwieg sie. Sie sah mich einfach nur an. Dieses Schweigen hielt gefühlt eine Ewigkeit an. Ich merkte, wie eine plötzliche, stechende Enge in meiner Brust aufstieg, genau wie jedes Mal, wenn ich am Rotkreuzplatz ein Polizeiauto sehe, obwohl ich gar nicht fahre.
Sie sagte dann: 'Frau ..., das war eine sehr schöne Antwort für ein Lehrbuch. Aber was hat das mit Ihnen zu tun? Mit der Frau, die an jenem Samstagabend dachte, die 1,4 Promille wären kein Problem?' In diesem Moment wurde mir klar: Der Gutachter bei der MPU sucht nicht nach dem Skript. Er sucht nach der Person hinter dem Fehler. Er sucht nach der charakterlichen Eignung. Wer nur auswendig lernt, zeigt eigentlich nur eines: Dass er sich mit den Ursachen gar nicht beschäftigen will.
Ich saß danach drei Stunden lang am Esstisch und versuchte, meine Trinkanlässe ehrlich aufzuschreiben. Ich wollte die 'perfekte' Antwort für meine Motive finden, nur um zu merken, dass ich mich selbst belog, nur damit die Aufgabe im Workbook endlich verschwindet. Ich habe das MPU Masterplan Workbook dann frustriert in die Ecke gepfeffert. Es tut weh, ehrlich zu sein. Es ist viel einfacher, eine Liste mit 50 Fragen auswendig zu lernen, als zuzugeben, dass man den Alkohol oft als Stressventil nach der Arbeit genutzt hat.
Die Angst der Profis: Wenn die Existenz am Fragenkatalog hängt
In der Praxis meiner Psychologin treffe ich oft Männer, die Berufskraftfahrer sind. Bei denen geht es um alles. Wenn die ihren Schein nicht zurückbekommen, verlieren sie ihren Job, ihre Wohnung, ihre Existenz. Der Druck ist gigantisch. Und genau diese Leute neigen am stärksten dazu, nach dem einen 'Fragenkatalog mit Lösungen' zu suchen. Sie haben keine Zeit für Selbsterfahrung, sie wollen einfach nur wieder auf den Bock.
Aber gerade unter diesem extremen Stress bricht ein auswendig gelerntes Kartenhaus bei der kleinsten Rückfrage zusammen. Wenn der Gutachter fragt: 'Und was machen Sie, wenn Sie morgen wieder so einen Streit mit dem Chef haben?', und man nur seinen Standardsatz im Kopf hat, dann war es das. Die Gutachter sind geschult darauf, 'Antwort-Stereotypen' zu erkennen. Sie merken, wenn jemand nur eine Rolle spielt. Für einen LKW-Fahrer ist das fatal, aber für mich als Office Managerin ist es das auch. Wir müssen verstehen, dass die Analyse der Trinkanlässe keine Schikane ist, sondern der einzige Weg, um sicherzustellen, dass wir nie wieder in diese Situation kommen.

Wie der Masterplan mir geholfen hat, den Spiegel auszuhalten
Ich habe das Workbook dann am Sonntag – also heute vor einer Woche – doch wieder aufgehoben. Ich bin nochmal zurück zu Modul 3. Ich habe es jetzt schon dreimal angefangen. Der MPU Masterplan Alkohol gibt dir eben keine fertigen Sätze vor. Er stellt dir Fragen, die wehtun. 'Was war der eigentliche Grund für das dritte Glas?' oder 'Wie sieht Ihre Strategie für schlechte Tage aus?'.
Es ist ein bisschen wie Navigieren ohne Karte in einer fremden Stadt – man verläuft sich ständig in seinen eigenen Ausreden. Aber das Workbook zwingt einen, die Straßenschilder der eigenen Biografie zu lesen. Ich habe diese Woche gelernt, dass mein Abstinenznachweis (ich mache Haaranalysen, immer 3 cm für 3 Monate rückwirkend) nur die körperliche Seite ist. Der ETG-Wert sagt aus, dass ich nicht getrunken habe. Aber er sagt nichts darüber aus, ob ich beim nächsten Mal anders handele.
Manchmal liege ich ewig auf dem Sofa und starre die Zimmerdecke an. Ich denke mir: 'Ich habe ein ganzes Büro mit 40 Leuten gemanagt, warum kriege ich es nicht hin, ein einfaches Gespräch mit einem Gutachter zu führen, ohne Angst zu haben?' Die Antwort ist simpel: Weil es in der Firma um Zahlen und Prozesse ging. Hier geht es um mich. Um die hässlichen Momente, die ich lieber vergessen würde.
Warum die Fragen nur der Anfang sind
Wenn du also nach einem 'Fragenkatalog Alkohol' suchst, dann verstehe ihn bitte nur als Inhaltsverzeichnis. Die eigentliche Geschichte musst du selbst schreiben. Es bringt nichts zu wissen, dass man nach dem 'Warum' gefragt wird, wenn man keine ehrliche Antwort hat. Ich habe diese Woche begriffen, dass ich nicht für die MPU lerne. Ich lerne für die Zeit danach. Damit ich nicht wieder an einem Samstagabend mit 1,4 Promille in ein Auto steige, nur weil ich zu stolz war, ein Taxi zu rufen.
Vielleicht hilft dir ein Kurs oder eine Einzelberatung dabei, diese Ehrlichkeit zu finden. Für mich ist das Workbook gerade der richtige Weg, weil ich die Aufgaben in meinem eigenen Tempo machen kann – meistens hier auf dem Küchenboden, wenn München schläft.

Ich klappe mein Notizbuch für heute zu. Mein kleiner Punkt für heute ist grün – ein guter Tag, trotz der kühlen Fliesen und der harten Fragen. Ich merke, dass das 'Warum' wichtiger ist als das 'Was'. Wenn mich der Gutachter fragt, warum ich damals gefahren bin, werde ich keine Antwort aus einem Forum rezitieren. Ich werde ihm von dem Druck erzählen, den ich mir selbst gemacht habe, und von dem Tag, an dem ich endlich aufgehört habe, Ausreden zu suchen.
Falls du auch gerade an diesem Punkt stehst: Hör auf, Antworten zu büffeln. Fang an, Fragen an dich selbst zu stellen. Es ist anstrengend, ja. Aber es ist der einzige Weg zurück zum Führerschein, der wirklich hält. Wir sehen uns nächsten Sonntag. Dann vielleicht mit einem Tee, der noch warm ist.
Pass auf dich auf.
Deine Ex-Office-Managerin aus Neuhausen