
Eine auswendig gelernte Antwort und eine ehrliche Antwort klingen für mich inzwischen komplett unterschiedlich – die eine kommt glatt aus dem Mund, die andere stockt, druckst, sucht nach Worten. An genau dieser Stelle habe ich meine ganze Alkohol-MPU-Vorbereitung falsch angepackt. Wochenlang habe ich Sätze über mein Trinkverhalten poliert, bis sie klangen wie aus einem Ratgeber und nicht wie aus meinem eigenen Kopf, wie eine Selbstreflexion, die ich mir selbst nicht abnehme. Dieses Neuhausen-Tagebuch hier ist mein Versuch, das wieder geradezurücken, bevor ich das nächste Mal im psychologischen Gespräch sitze.
Mein Notizbuch von den letzten Wochen zeigt, wie oft ich das schon versucht habe. Sätze über „Vermeidungsstrategien" und „Einstellungswandel", fein säuberlich formuliert, wieder durchgestrichen, neu geschrieben. Keine einzige Version hat sich angefühlt, als würde sie von mir stammen.
Die App habe ich nach zwei Tagen wieder gelöscht
Zwei Wochen vor meinem letzten Termin habe ich mir eine MPU-Vorbereitungsapp heruntergeladen. Karteikarten mit Fragen, ein Tippen, die nächste Frage. Nach zwei Tagen habe ich sie wieder gelöscht, weil sich das Antippen der Antworten genauso angefühlt hat wie das Auswendiglernen aus dem Workbook, nur schneller.
Was mich daran gestört hat, war nicht die App selbst. Es war das Gefühl, eine richtige Antwort suchen zu müssen, die in ein Kästchen passt, statt einfach zu erzählen, was war.

Der Unterschied zwischen einer auswendig gelernten und einer ehrlichen Antwort im psychologischen Gespräch
Am Mittwoch saß ich wieder bei meiner Verkehrspsychologin. Ich hatte die Module im Workbook durchgearbeitet und meine Blutalkoholkonzentration von damals, diese 1,4 Promille, im Kopf immer wieder durchgekaut. Aber als sie fragte, warum ich an jenem Abend im Spätsommer überhaupt ins Auto gestiegen bin, habe ich angefangen zu leiern.
Meine Stimme klang wie eine Schülerin, die ein Gedicht aufsagt, das sie nicht versteht. Meine Psychologin unterbrach mich, sanft, aber bestimmt: Das klinge sehr ordentlich, aber wo sei ich in dieser Geschichte.
Genau da wurde mir klar, dass ich diesen Fehler wie einen Vokabeltest behandle. Ich habe solche Angst vor einem negativen Gutachten, dass ich mich hinter Fachbegriffen verstecke – hinter der Frage Bin ich Alkoholiker? Wie ich mein Selbstbild für die MPU reflektiere, die ich mir letzten Herbst zum ersten Mal gestellt habe, und hinter den Begutachtungsleitlinien, die für mich lange wie ein Gesetzbuch klangen, das ich auswendig kennen muss. Meine ehrliche Trinkanamnese aufzuschreiben war das erste Mal, dass ich in dem ganzen Prozess nicht nach der richtigen, sondern nach der eigenen Antwort gesucht habe.
Stolpern beim Üben ist kein schlechtes Zeichen
Stolpern gehört dazu, wenn ich versuche, unperfekt zu sein, anstatt perfekt vorbereitet zu wirken. Ich übe inzwischen bewusst, mitten im Satz hängen zu bleiben, Pausen zuzulassen, zu sagen: Ich weiß an diesem Punkt selbst noch nicht genau, warum ich damals dachte, das sei okay. Das klingt nach Schwäche, aber meine Psychologin nennt es Reflexion.
Melanie, meine beste Freundin, hat mir dabei mehr geholfen als jedes Workbook-Kapitel. Sie fragt nie nach dem Alkohol selbst, sondern danach, was dahinter lag – an einem Sonntag hat sie einfach nur zugehört, während ich laut geübt habe, ohne mir eine bessere Formulierung vorzuschlagen.
Kontrolliertes Trinken oder komplette Abstinenz ist für mich längst keine offene Frage mehr, aber genau diese Gewissheit klang beim ersten Üben immer zu glatt, zu auswendig gelernt, um echt zu wirken. Mein Abstinenznachweis ist sauber, aber das sagt nichts darüber, wie ich mich besser fühle ohne Alkohol im Alltag, und genau davon soll das Gespräch handeln.
Meine Punkte im Kalender markieren genau diese Tage, die schlechten, ohne dass ich sie im Nachhinein beschönigen muss.

Am Freitag bin ich am Sektgläser-Stand auf dem Elisabethmarkt vorbeigelaufen, mit dem Einkaufskorb in einer Hand und dem Handy in der anderen, und bin nicht einmal langsamer geworden. Kein Ziehen, kein Innehalten, keine Rechtfertigung, die ich mir im Kopf zurechtlegen musste. Genau dieses Nicht-Stehenbleiben ist wahrscheinlich mein Trennungsvermögen, viel echter als jede Antwort, die ich mir dafür ausgedacht hätte.
Wenn das Workbook eine Woche lang zugeklappt bleibt
Es gibt Wochen, in denen nichts davon funktioniert. In der fünften Woche, seit ich wirklich angefangen habe zu üben und nicht nur zu lesen, habe ich mein Workbook sieben Tage lang nicht aufgeschlagen. Die Begriffe „Vermeidungsstrategie" und „Rückfallprävention" konnte ich einfach nicht mehr sehen, also habe ich stattdessen nur auf dem Sofa gelegen und die Zimmerdecke angestarrt.

Ein Roboter hat keine Durchhänger. Ein Mensch, der sich wirklich ändert, schon – und genau das will ich meiner Psychologin später erzählen können, ohne dass es nach Ausrede klingt.
Vor dem Leistungstest mit den Reaktionsübungen habe ich inzwischen mehr Bammel als vor dem Gespräch selbst, aber das ist ein anderes Kapitel meines Notizbuchs. Auch meine Leberwerte waren beim letzten Check unauffällig, doch das ist nur die eine Hälfte von dem, was der Gutachter am Ende sehen will.
Markus, den ich beim MPU-Infoabend kennengelernt habe, erklärt solche Formulare, als wären sie nichts Besonderes, und das hilft mir mehr als jede Statistik. Er hat mir gezeigt, wie die Akteneinsicht überhaupt funktioniert und wo der Unterschied zwischen der Sperrfrist und der eigentlichen MPU-Auflage liegt, ohne dass sich das nach Weltuntergang anhörte.
Zwischen dem, was ich für absolute Fahruntüchtigkeit hielt, und dem, was ich mir selbst über meine 1,4 Promille eingeredet habe, lag lange ein bequemer Graubereich. Ich habe mir eingeredet, es sei nicht so schlimm gewesen, weil ich unter irgendeiner anderen Grenze lag, die ich mir passend zurechtgesucht habe. Das war eine der gefährlichsten Ausreden, die ich mir im Stillen gebaut habe, und genau diese muss auftauchen, wenn ich versuche, meinen Einstellungswandel für die MPU wegen Alkohol glaubhaft zu belegen, ohne dass es nach auswendig gelernter Reue klingt.

Was am Ende zählt
Ich bin keine Verkehrspsychologin und keine MPU-Beraterin, nur eine Frau, die einmal richtig Mist gebaut hat und versucht, die Scherben sortiert aufzusammeln. Bei rechtlichen Fragen bin ich nicht die richtige Adresse – dafür gibt es einen Fachanwalt für Verkehrsrecht, und bei echten Alkoholproblemen eine Suchtberatungsstelle oder eine Selbsthilfegruppe, nicht mein Notizbuch.
Was bleibt, ist simpel. Ich muss mir keine Antwort ausdenken, die gut klingt. Ich muss nur ehrlich genug hinschauen, um die zu finden, die stimmt, auch wenn meine Stimme dabei zittert.
Morgen ist wieder eine Woche ohne Führerschein, aber mit einem klareren Kopf als vor einem Jahr. Für heute reicht mir das.