
Es ist Sonntagabend in Neuhausen, der Tee ist längst kalt geworden und ich sitze mal wieder auf dem Küchenboden. Vor mir liegt mein Notizbuch, in dem ich die Wochen zähle – es ist jetzt schon fast ein Jahr her, dass diese Samstagnacht im Spätsommer 2025 mein Leben auf den Kopf gestellt hat. Morgen früh muss ich wieder ins Büro, und das bedeutet: zum 300. Mal ohne Autoschlüssel das Haus verlassen.
Bevor ich dir erzähle, wie das letzte Gespräch mit meinem Chef lief, ein kurzer Hinweis: In diesem Blog teile ich meine ganz persönlichen Erfahrungen. Ich bin keine Verkehrspsychologin oder Anwältin, sondern nur eine Office Managerin, die versucht, ihren Mist wieder geradezubiegen. Wenn du rechtliche Fragen hast, geh bitte zu einem Fachanwalt für Verkehrsrecht, und bei Alkoholthemen sind Suchtberatungsstellen die richtigen Profis. In meinem Text findest du Links zu Workbooks, die ich selbst nutze; wenn du darüber etwas kaufst, erhalte ich eine kleine Provision, ohne dass es für dich teurer wird. Ich empfehle nur, was mir auf meinem Teppich hier in München wirklich weiterhilft.
Der Moment, in dem die Ausreden nicht mehr reichten
Als im November 2025 die offizielle MPU-Aufforderung in meinem Briefkasten landete, dachte ich erst, ich könnte das Thema im Büro einfach aussitzen. Ich bin Office Managerin, kein Kurierfahrer. Aber in einer mittelständischen Firma ist man eben doch das Mädchen für alles. Anfang Januar, während unseres ersten Teammeetings im neuen Jahr, passierte es dann. Mein Chef schaute mich erwartungsvoll an und fragte, ob ich nicht „schnell mal“ die neuen Unterlagen zum Catering-Partner fahren könne, weil der Azubi krank sei.
Ich spürte sofort dieses plötzliche, heiße Stechen im Nacken. Mein Gehirn raste. Ich hätte sagen können, mein Auto sei in der Werkstatt – schon wieder. Aber wie lange zieht man das durch? Ich habe in diesem Moment versucht, die Sache im Pausenraum als eine Art „formalen Fehler“ bei einer Kontrolle kleinzureden. Gott, ich merkte selbst, wie unglaublich unglaubwürdig ich dabei klang. Mein Chef ist nicht dumm. Er sah mich nur kurz an, schwieg einen Moment zu lang, und ich wusste: Die Wahrheit ist die einzige Option, wenn ich meinen Job nicht auch noch verlieren will.

Ehrlichkeit als erste Hürde für die charakterliche Eignung
Die Medizinisch-Psychologische Untersuchung (MPU) fordert ja genau das: eine Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld. Ich habe mich dann zwei Tage später in sein Büro gesetzt. Mein Herz hat bis zum Hals geschlagen. Ich habe ihm von den 1,4 Promille erzählt. Davon, dass ich dachte, nach der Hochzeit noch fahren zu können. Dass mein Führerschein jetzt weg ist und ich wahrscheinlich eine Abstinenz von 12 Monaten nachweisen muss.
Was ich unterschätzt hatte: Die Erleichterung, nicht mehr lügen zu müssen, war gigantisch. Aber die Scham blieb. Besonders an regnerischen Dienstagmorgen, wenn ich das kalte, metallische Quietschen der S-Bahn-Tür am Rotkreuzplatz höre, während ich weiß, dass meine Kollegen gerade alle im warmen Auto sitzen. In solchen Momenten fühle ich mich wieder wie die „Idiotin“ vom Dienst. Aber dann sage ich mir: Du hast jahrelang die Firma organisiert, jetzt organisier gefälligst dein eigenes Leben zurück.
Wenn der Dienstwagen zur Existenzangst wird
Ich habe Glück im Unglück. In meinem Job als Office Managerin kann ich vieles vom Schreibtisch aus regeln. Aber ich habe an die Kollegen im Außendienst gedacht – für die ist so ein Fehler der sofortige berufliche Tod. Wenn du auf den Dienstwagen angewiesen bist, gibt es kein „Ich fahr heute mal mit der U7 nach Westfriedhof“. Diese existenzielle Angst schwang in meinem Gespräch mit dem Chef immer mit. Er hat mich nicht gefeuert, aber das Vertrauen muss ich mir mühsam zurückerarbeiten.
Ein Teil meiner Strategie ist es, meine Mittagspausen sinnvoll zu nutzen. Manchmal ziehe ich mich in eine ruhige Ecke zurück und arbeite mit dem MPU Masterplan Alkohol. Besonders das Modul zum Thema Trennungsvermögen hat mir die Augen geöffnet. Ich dachte immer, ich könnte das trennen, aber die 1,4 BAK an jenem Samstagabend haben das Gegenteil bewiesen. Das Workbook hilft mir, diese peinlichen Fragen, die der Gutachter später stellen wird, schon jetzt für mich selbst zu beantworten – ganz ohne Ausreden.

Zwischen ETG-Werten und Team-Events
Die schwierigsten Momente im Büro sind die sozialen. Wenn jemand Geburtstag feiert und die Sektkorken knallen. Vor ein paar Wochen, im Frühsommer, hatten wir so eine Situation. Ich habe mir ein Glas Sekt vor mich hingestellt, damit niemand fragt, warum ich nicht anstoße. Ich habe es nicht angerührt, keinen Schluck. Aber es war ein dummer Test, den ich mir selbst auferlegt habe. Mein ETG-Wert für den nächsten Abstinenznachweis war mir wichtiger als die flüchtige Akzeptanz der Kollegen.
Ich habe gelernt, dass meine „charakterliche Eignung“ nicht nur beim Gutachter geprüft wird, sondern jeden Tag im Büro. Es geht darum, Verantwortung zu übernehmen. Ich erzähle nicht jedem Kollegen brühwarm von meiner MPU – das wäre zu viel. Aber ich stehe dazu, dass ich gerade eine „Fahrpause“ mache, wie ich es manchmal scherzhaft nenne, wenn ich eigentlich weinen könnte. Diese Mischung aus Selbstironie und bitterer Ernsthaftigkeit ist mein Weg, um nicht durchzudrehen.
Falls du auch gerade in dieser Phase steckst und nicht weißt, wie du es im Job erklären sollst: Überleg dir gut, wem du vertraust. Aber lüg nicht über die Dauer. Ein „Auto in der Werkstatt“ für sechs Monate glaubt dir niemand. Manchmal ist ein ehrliches Wort zum Chef besser als die ständige Angst, beim Schwarzfahren oder beim Lügen erwischt zu werden. Schau dir vielleicht auch mal an, wie der Masterplan bei der Scham hilft – mir hat das in den ersten Wochen im Büro sehr geholfen, den Kopf wieder hochzuhalten.
Jetzt ist es fast Mitternacht. Der Tee ist weg, das Notizbuch zu. Morgen früh wartet die S-Bahn. Aber hey, zumindest muss ich mir keine Gedanken mehr über Parkplätze in Neuhausen machen. Kleine Siege, oder? Wir hören uns nächsten Sonntag.