
Was sagst du deinem Chef, wenn der Führerschein weg ist und er noch nichts davon ahnt? Ich habe lange keine gute Antwort darauf gehabt. In München-Neuhausen lebe ich, arbeite als Office Managerin in einer mittelständischen Firma, und seit der Kontrolle nach der Hochzeit führe ich mein Abstinenz-Tagebuch nicht nur für mich – ich frage mich ständig, wie viel von der Alkohol-MPU überhaupt ins Büro gehört.
Meine kurze Antwort: irgendwann schon, nicht weil es Pflicht ist, sondern weil Lügen im Job auf Dauer anstrengender ist als die Wahrheit. Alles andere, vom ersten Satz im Büro bis zum Sektglas beim Teamevent, sortiere ich hier Frage für Frage, so wie sie mir selbst gestellt wurden.
Arbeitsplatz-Logistik ohne Führerschein
Der Alltag ohne Auto ist zuerst einmal banal unpraktisch. Kein schneller Sprung mehr zum Kunden, keine Ausrede für eine ruhige Minute draußen, weil plötzlich viel mehr Zeit zum Nachdenken übrig bleibt. Mittags laufe ich oft die Augustenstraße runter, nur um für ein paar Minuten aus dem Großraumbüro raus zu sein, bevor es zurück an den Schreibtisch geht.

Öffentliche Verkehrsmittel bringen eine andere Art von Stress mit: Verspätungen, die man erklären muss, ohne zu genau ins Detail zu gehen. Ein Kollege hat mich neulich gefragt, warum ich ständig mit Bus und Bahn komme. Ich habe irgendwas von einer Werkstatt gemurmelt und mir sofort gewünscht, ich hätte stattdessen einfach die Wahrheit gesagt.
Muss ich meinem Chef von der Alkohol-MPU erzählen?
Bevor ich es gesagt habe, hatte ich mir extra ein MPU-Vorbereitungsbuch gekauft, um die passenden Worte für das Gespräch zu finden. Bis Seite 40 bin ich gekommen, dann habe ich es zugeklappt und nie wieder aufgeschlagen. Die Sätze darin klangen nach jemandem, der ich nicht bin.
Die Medizinisch-Psychologische Untersuchung verlangt eine ehrliche Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld, und genau die habe ich am Ende ganz ohne Buch hinbekommen, im echten Gespräch mit meinem Chef. Nach dem psychologischen Gespräch bei der Verkehrspsychologin dachte ich, das Schwerste läge schon hinter mir, bis mein Chef mich am nächsten Morgen beiläufig darauf ansprach. Im Büro geht es nicht um Trennungsvermögen im Sinn des Gutachters, aber ein bisschen trennen muss ich trotzdem: Arbeit hier, Scham da.
Ehrlichkeit hat mich fast den Job gekostet
Ich habe ihm von den 1,4 Promille erzählt, davon dass mein Führerschein weg ist und ich eine Abstinenz von 12 Monaten nachweisen muss – Zahlen, die im Büro plötzlich sehr konkret wurden. Mein Herz hat bis zum Hals geschlagen, während ich sprach, aber die Erleichterung danach war größer als die Angst davor.
Gefeuert hat er mich nicht. Er hat nur lange geschwiegen, länger als mir lieb war.
Was mir hilft, sind konkrete Werkzeuge statt vager Vorsätze. In ruhigen Minuten in der Mittagspause blättere ich im MPU Masterplan Alkohol, vor allem im Teil zur ehrlichen Trinkanamnese – nicht weil ein Workbook das Gespräch mit dem Chef führt, sondern weil es mir hilft, meine eigene Geschichte klarer zu sortieren, bevor ich sie jemandem erzähle.

Was ich sage, wenn beim Team-Event das Glas kreist
Sektempfänge im Büro sind für mich inzwischen unangenehmer als jedes Gespräch mit dem Chef. Neulich habe ich mir ein Glas hingestellt, ohne einen Schluck zu trinken, nur damit niemand fragt, warum ich nicht anstoße, ein dummer, selbst auferlegter Test, den ich mir eigentlich hätte sparen können.
Kontrolliertes Trinken oder komplette Abstinenz – diese Entscheidung ist für mich klar gefallen, auch wenn das hier nicht das Thema ist. Wichtiger im Büroalltag ist mein ETG-Wert für den nächsten Nachweis, nicht die kurze Akzeptanz von Kolleginnen, die ein Glas in der Hand erwarten. Schlechte Tage markiere ich in meinem Heft mit einem Punkt, aber ein missglückter Sektempfang bekommt bei mir keinen eigenen Eintrag mehr, dafür ist er zu klein.
Verändert sich, wie Kollegen mich sehen?
Bei manchen ja, bei den meisten überraschend wenig. Am Telefon mit einer Kollegin habe ich zum ersten Mal alles gesagt, ohne etwas auszulassen: die Kontrolle, den Führerschein, die MPU. Danach, zu meiner eigenen Überraschung, keine einzige Träne. Nur Stille am anderen Ende, dann ein knappes: „Okay, und was brauchst du jetzt von mir?"
Eine Freundin von mir geht dienstags abends zum Nähkurs im VHS-Atelier Maxvorstadt – seit ich kein Auto mehr habe, fahre ich manchmal mit, nur um nicht allein zu Hause zu sitzen und aufs Notizbuch zu starren. Ob ich irgendwann Akteneinsicht bei der Behörde beantrage, um zu verstehen, was genau über mich vermerkt ist, weiß ich noch nicht. Das ist ein Punkt für einen anderen Tag.
Kolleginnen und Kollegen merken vor allem eines: nicht die MPU selbst, sondern wie du mit ihr umgehst, ob du dich versteckst oder einfach weitermachst. Schau dir vielleicht auch mal an, wie der Masterplan bei der Scham hilft – bei mir hat das im Büroalltag mehr verändert als jedes einzelne Gespräch.