Wieder am Steuer

MPU Begutachtungsleitlinien: Was Gutachter beim Thema Alkohol prüfen

Es ist wieder einer dieser Sonntagabende in Neuhausen, an denen die Welt draußen vor meinem Küchenfenster stillsteht, während in meinem Kopf die Paragrafen Karussell fahren. Der Tee neben mir ist längst kalt geworden – eine Earl-Grey-Pfütze, die genauso trüb aussieht wie meine Stimmung nach dem Termin bei der Verkehrspsychologin am letzten Mittwoch. Ich sitze auf dem Dielenboden, den Rücken gegen den Kühlschrank gelehnt, und starre auf das Kapitel in meinem MPU-Workbook, das ich bisher erfolgreich ignoriert habe: Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung.

Woche 32 ohne Führerschein. Es fühlt sich an wie eine Ewigkeit, seit ich an diesem Spätsommerabend 2025 nach der Hochzeit mit 1,4 Promille gestoppt wurde. Damals dachte ich noch naiv, ich müsste dem Gutachter einfach nur sagen, wie leid es mir tut und dass ich ein guter Mensch bin. Aber die Realität, die mich im November 2025 mit dem gelben Umschlag im Briefkasten einholte, ist kälter. Der Gutachter interessiert sich nicht primär für meine Reue. Er arbeitet ein 300-seitiges Regelwerk ab, das genau festlegt, ob ich charakterlich geeignet bin, jemals wieder ein Auto durch die Donnersbergerbrücke zu lenken.

Das unsichtbare Handbuch der Gutachter

Ich habe diese Woche versucht, mich durch die offiziellen Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung zu quälen. Es ist, als würde man versuchen, eine Wanderkarte im dichten Nebel zu lesen, ohne zu wissen, wo Norden ist. Alles darin ist in ein bürokratisches Deutsch gegossen, das kaum Raum für das Menschliche lässt. Aber genau das ist der Punkt: Die Gutachter brauchen diese Leitlinien, um eine objektive Entscheidung zu treffen. Sie haben im Grunde ein Raster im Kopf, in das sie mich – die 36-jährige Office Managerin, die einmal richtig Mist gebaut hat – einsortieren.

Ich merke, wie mein gelber Textmarker an einer Stelle besonders tief in das dünne Papier des Workbooks einsinkt, fast so, als wollte er die Seite durchbohren. Dort steht die Definition von Alkoholgefährdung. Es ist dieser Moment, in dem die Tinte leicht verläuft und ein unschönes Gelb auf der Rückseite hinterlässt. In diesem Moment wurde mir klar, dass ich für das System kein Einzelfall bin, sondern ein Risiko-Profil. Der Gutachter prüft nicht mein Herz, sondern meine neuronalen Pfade und meine Verhaltensmuster. Manchmal denke ich mir, wie viel einfacher es wäre, wenn ich ihm einfach beweisen könnte, dass ich ein anständiger Mensch bin, anstatt belegen zu müssen, dass ich meine inneren Motive bis in die letzte Verästelung umgekrempelt habe.

Nahaufnahme eines gelben Textmarkers, der das Wort Alkoholgefährdung in einem MPU-Arbeitsbuch markiert.

Die Hypothesen: In welche Schublade passe ich?

Meine Psychologin hat mir am Mittwoch erklärt, dass es bei Alkohol-Fragestellungen im Wesentlichen um drei große Kategorien geht, die sogenannten Hypothesen A1 bis A3. Das klingt wie eine Einstufung für Versicherungstarife, entscheidet aber über alles. A1 steht für Alkoholabhängigkeit – da ist der Weg klar vorgezeichnet. A2 und A3 sind die Bereiche, in denen ich mich bewege: fortgeschrittene Alkoholproblematik oder die fehlende Fähigkeit zur Trennung von Trinken und Fahren.

Was mich am meisten schockiert hat: Der Gutachter schaut sich an, wie hoch der Wert war. Mit meinen 1,4 Promille liege ich zwar unter der magischen Grenze von 1,6 Promille, ab der eine MPU in vielen Bundesländern zwingend ist, aber da ich auffällig gefahren bin, hat es mich trotzdem erwischt. Die Leitlinien sagen ganz klar: Wer mit solchen Werten noch halbwegs geradeaus fahren kann, hat eine Giftfestigkeit (Toleranz) entwickelt, die auf ein tieferliegendes Problem hindeutet. Er prüft also, ob ich mein Trinkverhalten so stabil verändert habe, dass ein Rückfall unwahrscheinlich ist.

Ich habe letzte Woche einen Fehler gemacht. Ich war auf einer kleinen Abschiedsfeier einer Kollegin und habe mir ein Glas Sekt vor mich hingestellt. Nur um zu sehen, ob ich es aushalte, wenn niemand fragt, warum ich nichts trinke. Ich habe keinen Schluck genommen, aber allein das Glas dort stehen zu haben, war ein dummer Test an mich selbst. In den Augen eines Gutachters wäre das wahrscheinlich schon ein Zeichen mangelnder Stabilität gewesen. Die Leitlinien fordern nämlich eine echte Auseinandersetzung, keine Spielchen mit der eigenen Willenskraft.

Trennungsvermögen: Warum 1,4 mehr als nur eine Zahl ist

Ein zentraler Begriff in der Medizinisch-Psychologischen Untersuchung ist das sogenannte Trennungsvermögen. Es geht darum, ob man Konsum und Teilnahme am Straßenverkehr strikt voneinander trennen kann. Die Gutachter gehen davon aus, dass jeder, der mit einer nennenswerten Blutalkoholkonzentration erwischt wurde, dieses Trennungsvermögen verloren hat. In meinem Fall bedeutete die Nacht nach der Hochzeit, dass ich eben nicht mehr entscheiden konnte: „Ich rufe mir jetzt ein Taxi.“

In den Leitlinien steht geschrieben, dass man dieses Trennungsvermögen entweder wiederherstellen muss (bei moderatem Konsum) oder dass man den Konsum ganz einstellt (Abstinenz). Und hier kommt ein Punkt, der mich lange Zeit schlaflose Nächte gekostet hat. Oft hört man in Foren oder von Bekannten: „Sag einfach, du trinkst gar nichts mehr, das ist am sichersten.“ Aber das stimmt so nicht immer. Die Annahme, vollständige Abstinenz sei immer der sicherste Weg zur MPU, ist ein Trugschluss. Wenn ich Abstinenz behaupte, sie aber nicht durch lückenlose Abstinenzbelege über 6 oder 12 Monate nach den CTU-Kriterien nachweisen kann, fall ich krachend durch.

Blick aus einem Fenster in München-Neuhausen während der blauen Stunde mit einem Glas Wasser.

Viel wichtiger als die Entscheidung für oder gegen den Alkohol ist für den Gutachter die Dokumentation der Verhaltensänderung. Wer sich für kontrolliertes Trinken entscheidet, muss das oft viel detaillierter und glaubwürdiger begründen können als jemand, der einfach den Stecker zieht. Es geht um die charakterliche Eignung. Der Gutachter will sehen, dass ich verstanden habe, warum ich damals die 1,4 Promille im Blut hatte. War es Stress im Büro? War es das Bedürfnis, dazuzugehören? Die Leitlinien geben ihm die Fragen vor, mit denen er mein Selbstbild abklopft.

Die harten Fakten: Abstinenzbelege und ETG-Werte

Wenn die Leitlinien von „nachvollziehbarer Verhaltensänderung“ sprechen, meinen sie oft auch ganz konkrete Laborwerte. Ich erinnere mich noch an meinen ersten Termin zur Haaranalyse für den Abstinenznachweis. Ich saß in diesem sterilen Wartezimmer und hatte Angst, dass das Shampoo, das ich benutze, irgendwie meinen ETG-Wert beeinflussen könnte. Totaler Quatsch, natürlich, aber diese Nervosität zeigt, wie sehr man sich unter dem Mikroskop fühlt.

In den letzten Wochen habe ich viel darüber nachgedacht, wie ich mich damals im sozialen Umfeld gefühlt habe. Ich habe darüber auch schon mal geschrieben, als ich mich gefragt habe, was meine Freunde eigentlich zu meiner Vorbereitung sagen. Es ist ein Prozess, der weit über das Labor hinausgeht. Der Gutachter prüft in seinem Gespräch, ob meine Erzählungen zu den Laborwerten passen. Wenn ich sage, ich trinke seit acht Monaten nichts, meine Leberwerte aber etwas anderes suggerieren (auch wenn sie noch im Normbereich sind), dann wird er misstrauisch.

Warum Wissen allein nicht reicht

Ich habe das Workbook diese Woche fast eine ganze Woche lang nicht aufgeschlagen. Ich konnte es einfach nicht sehen. Diese ganze Terminologie – „Eignungsmängel“, „Rückfallwahrscheinlichkeit“, „Motivationslage“. Es fühlte sich an, als würde ich für eine Prüfung büffeln, deren Inhalt ich zwar kenne, deren Sinn ich aber in den dunklen Momenten nicht greifen kann. Aber dann saß ich gestern in der U7 Richtung Westfriedhof und habe eine Frau beobachtet, die völlig aufgelöst versuchte, ihr Fahrrad in den Wagon zu schieben, während sie gleichzeitig telefonierte. Ich dachte mir: Wir alle haben Momente, in denen wir die Kontrolle verlieren. Der Unterschied ist, dass ich meine Kontrolle am Steuer verloren habe.

Die Begutachtungsleitlinien sind kein Schikanewerkzeug, auch wenn es sich oft so anfühlt. Sie sind eine Art Sicherheitsnetz für die Gesellschaft. Ich versuche, sie jetzt als Chance zu sehen, mein eigenes Leben mal so richtig zu inventarisieren. Dass ich mich mit Themen wie Scham und psychologischer Aufarbeitung beschäftigen muss, steht in keinem Gesetzestext so explizit drin, aber es ist der Kern dessen, was der Gutachter unter „stabiler Änderung“ versteht.

Ein handgeschriebenes Tagebuch mit einem markierten Sonntag als Teil der MPU-Vorbereitung.

Am Ende des Tages – oder besser gesagt: am Ende dieser langen Sonntagnacht – bleibt die Erkenntnis, dass ich mich nicht durchmogeln kann. Die Leitlinien sind der Spiegel, den mir das System vorhält. Ich muss lernen, in diesen Spiegel zu schauen, ohne wegzusehen. Ob ich mich letztlich für den Weg der dauerhaften Abstinenz entscheide oder ob ich versuche, ein streng kontrolliertes Trinkverhalten nachzuweisen, war eine der schwierigsten Fragen der letzten Monate. Ich habe meine Gedanken dazu mal in einem ruhigen Moment sortiert, als es darum ging, ob kontrolliertes Trinken oder Abstinenz für mich die richtige Wahl ist.

Ich bin keine Verkehrspsychologin und auch keine Juristin. Ich bin nur eine Frau aus Neuhausen, die versucht, ihre Fehler wieder gutzumachen. Wenn du rechtliche Fragen hast, such dir bitte einen Fachanwalt für Verkehrsrecht. Und wenn der Alkohol ein echtes Monster in deinem Leben ist, sind Suchtberatungsstellen die richtigen Ansprechpartner. Mein Tagebuch hier ist nur mein Weg, mit dem Wahnsinn klarzukommen.

Jetzt klappe ich das Notizbuch zu. Der Tee ist wirklich eiskalt. Morgen ist Montag, eine neue Woche ohne Führerschein, aber mit einem bisschen mehr Klarheit darüber, was der Gutachter eigentlich von mir will. Er will keine perfekte Version von mir. Er will eine ehrliche.

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