Wieder am Steuer

MPU Begutachtungsleitlinien: Was Gutachter beim Thema Alkohol prüfen

Was schaut sich ein Gutachter eigentlich zuerst an, wenn er über meine Akte entscheidet: die Promillezahl von damals oder das, was ich seitdem daraus gemacht habe? Diese Frage begleitet mich durch die ganze Alkohol-MPU-Vorbereitung, mehr als die Zahl selbst. Die Begutachtungsleitlinien, das Regelwerk hinter jeder Alkohol-MPU, geben darauf keine Antwort in einem einzigen Satz. Deshalb sitze ich seit einiger Zeit mit dem Workbook auf dem Küchenboden hier in Neuhausen und versuche, mir das Ganze eher wie ein Raster vorzustellen als wie ein Urteil.

Die kurze Antwort, so wie ich sie inzwischen verstanden habe: Er schaut auf beides, aber die Akte wiegt schwerer, weil sie überprüfbar ist. Reue lässt sich schlecht messen. Verhalten schon.

Die Begutachtungsleitlinien als Raster, nicht als Gefühl

Ein Gutachter erfindet seine Einschätzung nicht im Gespräch. Er arbeitet an einem bundesweit abgestimmten Regelwerk entlang, an dem sich jede Medizinisch-Psychologische Untersuchung orientiert, egal in welcher Stadt sie stattfindet. Zwei Gutachter, die mich unabhängig voneinander befragen würden, sollten im Idealfall zu einer ähnlichen Einschätzung kommen, weil beide dieselben Kriterien abarbeiten und nicht ihr Bauchgefühl.

Genau das macht die Leitlinien gleichzeitig hilfreich und ziemlich unpersönlich. Sie sind kein Schikanewerkzeug, auch wenn es sich beim Lesen manchmal so anfühlt, sondern eher ein Sicherheitsnetz, das verhindern soll, dass die Entscheidung über meinen Führerschein von der Tagesform eines einzelnen Menschen abhängt.

Nahaufnahme eines gelben Textmarkers auf dem Wort Alkoholgefährdung in einem MPU-Workbook zu den Begutachtungsleitlinien.

Drei Hypothesen entscheiden die Richtung des Gutachtens

Bei Alkohol unterscheiden die Leitlinien grob drei Richtungen. Eine geht von einer Abhängigkeit aus. Eine zweite von einem fortgeschrittenen, aber noch nicht abhängigen Alkoholmissbrauch. Die dritte davon, dass jemand zwar nicht abhängig ist, aber offenbar nicht zuverlässig zwischen Trinken und Fahren trennen konnte.

Mit meinen 1,4 Promille an jenem Abend landet meine Einschätzung meistens in der dritten Kategorie, auch wenn am Ende immer die Verkehrspsychologin entscheidet und nicht ich selbst. Dieses sogenannte Trennungsvermögen ist übrigens noch mal ein eigenes großes Thema, das ich an anderer Stelle für mich durchgegangen bin, weil es allein schon einen ganzen Artikel wert war.

Warum das Umfeld für den Gutachter mitzählt

Die Leitlinien schauen nicht nur auf mich allein, sondern indirekt auch darauf, wie stabil das Umfeld eine Veränderung mitträgt. Ich habe an anderer Stelle ausführlicher aufgeschrieben, was meine Freunde eigentlich zu meiner Vorbereitung sagen, weil genau das im Gespräch später eine Rolle spielen kann, auch wenn es nirgends explizit als Kriterium aufgelistet ist.

Dass ich mich außerdem mit Scham und psychologischer Aufarbeitung beschäftigen musste, steht in keinem Paragrafen der Leitlinien so wörtlich. Trotzdem ist es für mich der Kern von dem, was der Gutachter am Ende unter einer stabilen Änderung versteht.

Blick aus einem Fenster in München-Neuhausen während der blauen Stunde mit einem Glas Wasser statt Wein.

Was zählt für den Gutachter als glaubhafte Verhaltensänderung?

Ob ich hinterher vollständig auf Alkohol verzichte oder nachweisbar kontrolliert trinke, ist am Ende eine sehr persönliche Entscheidung. Ich habe meine eigenen Gedanken dazu woanders ausführlich aufgeschrieben, als es um die Frage ging, ob kontrolliertes Trinken oder Abstinenz für mich die richtige Wahl ist.

Wichtiger als die Entscheidung selbst ist für den Gutachter offenbar, wie stimmig meine Erzählung dazu bleibt. Ein Abstinenznachweis über einen längeren Zeitraum gehört für viele Menschen in meiner Kategorie dazu, aber wie genau der erbracht wird, ist ein eigenes Kapitel, das ich hier bewusst nicht aufmache. Genauso wichtig scheint eine ehrliche Trinkanamnese zu sein, also die Fähigkeit, die eigene Trinkgeschichte ohne Beschönigung zu erzählen, statt sie im Gespräch klein zu reden.

Das Gespräch prüft, ob Wissen und Verhalten zusammenpassen

Im psychologischen Gespräch geht es letztlich darum, ob das, was ich erzähle, zu dem passt, was in meinen Unterlagen steht. Wie so ein Termin im Detail abläuft, ist noch mal ein eigenes Kapitel für sich, das an anderer Stelle mehr Platz verdient hat als hier.

Manche in meiner Situation führen zusätzlich ein kleines Protokoll über die schlechten Tage, nicht nur über die guten Wochen. Ein Ansatz, den ich spannend finde, aber selbst noch nicht bis ins letzte Detail durchdacht habe. Und wer unsicher ist, was überhaupt über einen selbst dokumentiert wurde, kann vorab Akteneinsicht beantragen, ein Schritt, über den ich woanders mehr geschrieben habe.

Ein handgeschriebenes Tagebuch mit einem markierten Sonntag als Teil der Alkohol-MPU-Vorbereitung.

Eine App, zwei Tage, dann wieder gelöscht

Bevor ich mich überhaupt an die Begutachtungsleitlinien im Original getraut habe, hatte ich mir eine MPU-Vorbereitungsapp heruntergeladen. Nach zwei Tagen habe ich sie wieder gelöscht. Zu viele bunte Checklisten, zu wenig, das mir wirklich beim Verstehen geholfen hat. Manchmal ist das schwarze Workbook auf dem Küchenstuhl einfach ehrlicher als eine App, die mir mit einem grünen Häkchen suggeriert, ich hätte schon etwas verstanden.

Vor ein paar Tagen bin ich kurz vor sieben einfach nur liegen geblieben, fünf Minuten lang, ohne dass sich in meinem Magen etwas zusammengezogen hat, als ich an den nächsten Termin gedacht habe. Kein großer Moment. Nur ein Unterschied, der mir aufgefallen ist.

Entscheidend ist am Schluss nicht, wie sehr mir das alles leidtut, sondern ob meine Geschichte in jedem Gespräch, jedem Nachweis und jedem Protokoll gleich bleibt. Genau das prüfen die Begutachtungsleitlinien, wenn man den bürokratischen Ton einmal beiseitelässt.

Ich bin keine Verkehrspsychologin und auch keine Juristin, nur eine Frau aus Neuhausen, die versucht, ihre Fehler wieder gutzumachen. Bei rechtlichen Fragen hilft ein Fachanwalt für Verkehrsrecht weiter, bei echten Alkoholproblemen eine Suchtberatungsstelle. Mein Notizbuch auf dem Küchenboden ersetzt beides nicht.

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