Wieder am Steuer

Was Freunde sagen: Meine MPU Vorbereitung wegen Alkohol im sozialen Umfeld

Drei Wochen lag der gelbe Brief der Begutachtungsstelle ungeöffnet zwischen Werbung und Stromrechnung. Drei Wochen, in denen ich jeden Tag am Briefkasten vorbeiging und genau wusste, was drinsteht, ohne es schwarz auf weiß lesen zu wollen. Dieser eine Umschlag hat meine Alkohol-MPU offiziell gemacht, lange bevor ich ihn überhaupt aufgerissen habe.

Kurzer Hinweis, bevor ich weiterschreibe: In diesem Tagebuch stecken Affiliate-Links. Wenn du darüber etwas kaufst, bekomme ich eine kleine Provision, für dich ändert sich am Preis nichts. Erzählt wird hier nur von Dingen, die ich selbst nutze, wie mein Workbook. Und noch wichtiger: Ich bin keine Psychologin, keine Anwältin, keine Suchtberaterin. Das hier ist mein persönlicher Weg, kein Ersatz für professionelle Hilfe.

Woche zehn ohne Führerschein, und der Brief ist inzwischen längst offen. Mein Abstinenz-Tagebuch läuft seitdem unverändert weiter, jeden Sonntagabend. Das Zögern damals war reine Vermeidung. Solange der Umschlag zu blieb, konnte ich mir einreden, alles sei noch irgendwie verhandelbar. Aufgemacht habe ich ihn schließlich an einem Abend, an dem mir schlicht die Ausreden ausgingen.

Der ungeöffnete Brief von der Begutachtungsstelle

Das Liegenlassen war keine Strategie, sondern Angst in Verkleidung, das ist mir inzwischen klar. Ich wollte nicht lesen, welches Wort neben meinem Namen stehen würde. Charakterliche Eignung, Trennungsvermögen – Begriffe, an denen ich mich am Anfang regelrecht die Zähne ausgebissen habe, bevor sie überhaupt in meinem Alltag ankamen.

Was mich am meisten beschäftigt hat, war nicht der Brief selbst, sondern die Frage, wer davon erfahren würde. Mein soziales Umfeld kannte bis dahin nur die Kurzversion – Führerschein weg, kann gerade nicht fahren, mehr nicht. Ein Antrag auf Akteneinsicht hätte alles noch offizieller gemacht, aber so weit bin ich nie gegangen, eher aus Bequemlichkeit als aus Prinzip.

Wie mein soziales Umfeld auf das Nein zum Bier reagiert

Die Stille war das Überraschendste an der ganzen Sache. Ein Teil meines Umfelds ist einfach leiser geworden, ohne dass jemand offiziell Abstand genommen hätte. Keine Nachrichten mehr am Freitagabend, keine spontanen Treffen. So etwas merkt man erst, wenn man selbst nichts mehr initiiert.

Sobald ein ETG-Wert oder ein Abstinenznachweis im Gespräch auftauchen, wird es für viele unangenehm konkret. Plötzlich ist da ein Prüfungstermin mit echtem Datum, keine vage Ausrede mehr. Manche ziehen sich genau in diesem Moment zurück, still und ohne große Erklärung.

Notizbuch mit dem Begriff Trennungsvermögen für die Alkohol-MPU, daneben eine Tasse Tee

Andere reagieren erstaunlich pragmatisch. Als ich einer Kollegin erklärte, was charakterliche Eignung für mich inzwischen bedeutet, nickte sie nur und fragte, ob ich Hilfe beim Ausfüllen von Formularen brauche. Keine Predigt, keine betretenen Blicke. Die schlechten Tage markiere ich seither trotzdem lieber allein in meinem Notizbuch, mit einem kleinen Punkt, mehr nicht.

Bei einer Geburtstagsfeier neulich reichte mir jemand automatisch ein Glas Sekt, ohne zu fragen. Ich habe kurz gezögert, dann einfach gesagt, dass ich lieber Wasser nehme. Keine große Erklärung, kein Vortrag. Die Person nickte, stellte das Glas zurück und redete weiter über etwas völlig anderes.

Ein Glas Sekt auf einem Tisch bei einer Feier – soziale Versuchung während der Alkohol-MPU-Vorbereitung

Nicht jede Reaktion ist so unkompliziert. Es gibt in meinem Umfeld auch Leute, die jede Ablehnung eines Glases als stille Anklage verstehen, so als würde mein Wasser ihr eigenes Trinkverhalten kommentieren. Das ist nicht meine Aufgabe zu lösen, auch wenn mir das schwerfällt zu akzeptieren.

Nicole fragt nie, warum ich nichts trinke

Aus dem Fitnessstudio hier in Neuhausen kenne ich Nicole Fesenmeyer schon länger, aber richtig ins Gespräch kamen wir erst, als ihr auffiel, dass ich nach dem Training beim Umtrunk immer zum Wasser greife. Sie hat für sich entschieden, ein Jahr komplett auf Alkohol zu verzichten – aus eigenem Antrieb, ohne Brief, ohne Begutachtungsstelle im Nacken.

Seit über einem Jahr beobachte ich jetzt, wie unterschiedlich Menschen auf das Thema Verzicht reagieren, und Nicole gehört zu den wenigen, die es einfach wie ein sportliches Ziel behandeln. Kein Drama, keine langen Gespräche über Gründe. Sie fragt mich nie nach dem Warum, höchstens, ob ich am Wochenende Lust auf einen Lauf habe.

Was mir dabei hilft, sind Sätze, die ich mir vorher zurechtlege, viele davon aus den Reflexionsaufgaben im MPU Masterplan Alkohol. Nicht auswendig gelernt, eher wie ein Notfallplan für den Moment, in dem mir sonst nichts einfällt.

Den Anruf der Begutachtungsstelle einfach annehmen

Am U-Bahnhof Westfriedhof, auf dem Bahnsteig, während ich auf die U7 wartete, klingelte mein Handy mit einer Nummer, die ich nicht kannte. Ich bin rangegangen, ohne nachzudenken, ohne mir vorher auch nur einen Satz zurechtzulegen. Am anderen Ende war die Begutachtungsstelle, wegen eines Termins.

Kein Herzrasen, keine vorbereiteten Sätze, kein Fluchtreflex. Genau da habe ich gemerkt, wie anders sich das anfühlt im Vergleich zu dem Brief, den ich drei Wochen lang nicht anfassen konnte. Zwischen dem ungeöffneten Umschlag und diesem Anruf liegt nicht viel Zeit, aber offenbar reicht sie.

Alle zwölf Minuten rumpelt die U7 zwei Straßen weiter vorbei, ein gedämpftes Grollen, das ich früher nie registriert habe und das inzwischen fast beruhigend wirkt. Vielleicht, weil es das Einzige an diesem ganzen Prozess ist, das absolut zuverlässig bleibt.

Ein Leser aus Laim, der nichts schönredet

Benjamin Jost hat vor Monaten unter meinem allerersten Blogeintrag kommentiert. Er hat seine eigene MPU vor zwei Jahren bestanden und schrieb, er habe sich in meiner Beschreibung der ersten Woche wiedererkannt. Seitdem schreiben wir uns ab und zu, unregelmäßig, mal wochenlang gar nicht.

Bei ihm ist es anders als bei den meisten: Er sagt nie, dass es schon wird. Er beschreibt stattdessen, wie es bei ihm tatsächlich war, mit allen unbequemen Details, die andere gern weglassen. Kein Trost, keine Floskel, einfach eine ehrliche Schilderung eines Wegs, den er schon hinter sich hat.

Über die genauen Fragen im psychologischen Gespräch mit der Verkehrspsychologin, über die ehrliche Trinkanamnese oder darüber, was in den Begutachtungsleitlinien eigentlich steht, reden wir kaum. Bei ihm geht es eher um das Drumherum: wie man mit den Blicken der anderen umgeht, wenn man auf einer Feier Wasser bestellt.

Wenn das Umfeld den Alkohol zur Pflicht macht

Eine Bekannte aus einem MPU-Forum nutzt den FLEX3 Online MPU Drogen Kurs, weil ihr Fall anders gelagert ist als meiner, aber die soziale Komponente kommt mir bekannt vor. Ihre Kolleginnen fragen ständig nach, warum sie sich verändert hat. Meine Fragen sind ähnlich, nur mit anderem Wortlaut.

Ein Gespräch im Treppenhaus mit einem Nachbarn hat mir zusätzlich die Augen geöffnet. Er arbeitet auf dem Bau und erzählte, dass er selbst mal wegen Alkohol den Führerschein verloren hat. Bei ihm auf der Baustelle gilt Trinken nach Feierabend fast als Zugehörigkeitsritual, wer ablehnt, riskiert seinen Platz in der Kolonne.

Er hat nie richtig für sich entschieden, ob kontrolliertes Trinken für ihn infrage kommt oder ob es eine bewusste Entscheidung für Abstinenz braucht – für ihn war ohnehin beides unrealistisch, solange die Kolonne mitzieht. Meine Hürden sind meistens psychologisch, seine waren strukturell. Beides ist schwer, nur auf unterschiedliche Weise.

Was am Ende zählt

Mein Neuhausener Alltag hat sich seit dem Sommer komplett umsortiert, und mit ihm meine Vorstellung davon, wer eigentlich zu meinem sozialen Umfeld gehört. Was bei mir hängen geblieben ist, ist simpel und trotzdem schwer im Alltag umzusetzen.

Ich schulde niemandem eine Erklärung, den meine Entscheidung nicht direkt betrifft. Wer wirklich dazugehört, fragt nicht, warum ich nichts trinke, sondern was ich stattdessen möchte. Genau diesen einen Unterschied nehme ich mit, in jedes künftige Gespräch, jede künftige Feier.

Abendliche Stimmung in München-Neuhausen, Alltag ohne Führerschein während der Alkohol-MPU

Falls du gerade merkst, dass sich Leute aus deinem Umfeld zurückziehen, oder falls dir die Scham im Nacken sitzt: Das ist Teil des Prozesses, kein Zeichen, dass du etwas falsch machst.

Wie sehr genau dieser soziale Druck bei der psychologischen Vorbereitung mitspielt, habe ich schon einmal ausführlicher aufgeschrieben: Warum der MPU Masterplan meine größte Hilfe gegen die Angst beschreibt genau diesen Teil.

Morgen ist wieder U-Bahn, wieder ein Tag mehr auf dem Konto der Ehrlichkeit. Wenn du selbst mittendrin steckst: Such dir Menschen, die nichts schönreden, so wie Benjamin es für mich tut, und bleib standhaft, auch wenn das Umfeld drängelt.

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