Wieder am Steuer

Wie ich meinen Einstellungswandel für die MPU wegen Alkohol glaubhaft belege

Jemand, der mich nie einen Tropfen Alkohol hat trinken sehen, kann nicht wirklich erkennen, ob sich in mir etwas verändert hat. Diese Frage lässt mich seit meiner MPU-Vorbereitung nicht los, seit ich in jedem zweiten Forumsbeitrag denselben Satz lese: Man müsse den eigenen Einstellungswandel glaubhaft belegen. Genau darüber schreibe ich heute in diesem Tagebuch aus Neuhausen – nicht über ein Datum, sondern über das, was sich dahinter wirklich zeigt.

Der Mythos, der sich in fast jedem Forum zur Alkohol-MPU hält, tut so, als wäre die Verkehrspsychologie eine reine Formsache: Wer lange genug abstinent bleibt, wer genug Punkte im Kalender sammelt oder wer beim Abstinenznachweis makellose Werte vorlegt, hat angeblich automatisch einen Einstellungswandel vollzogen. Lange habe ich das selbst geglaubt – bis mir klar wurde, dass keine dieser Zahlen die eigentliche Frage beantwortet: nicht wie lange, sondern warum sich etwas in mir verändert hat.

Was beweist einen Einstellungswandel wirklich – und was beweist gar nichts?

Nahaufnahme eines Tagebuchs mit markierten Tagen des Alkoholverzichts während der MPU-Vorbereitung

Falsch, wie ich in der Medizinisch-Psychologischen Untersuchung (MPU) lernen musste. Die Verkehrspsychologin prüft nicht nach, wie viele Tage ich schon nichts getrunken habe. Sie prüft, ob ich sogenanntes Trennungsvermögen zeigen kann – nicht, wie viele Haken ich in einem Kalender gesetzt habe. Die Fahrerlaubnis-Verordnung regelt den rechtlichen Rahmen dafür, aber was das für mich persönlich bedeutet, stand in keinem Gesetzestext.

Mit 1,4 Promille Blutalkoholkonzentration bin ich im Spätsommer kontrolliert worden – das ist keine Randnotiz, das ist eine Vorgeschichte, die ich nicht wegreden kann. Als der gelbe Brief mit der offiziellen MPU-Aufforderung kam, habe ich ihn trotzdem drei Wochen lang ungeöffnet im Briefkasten liegen lassen. Ich dachte, wenn ich ihn nicht anschaue, verschwindet das Problem von selbst. Vermeidung war das, keine Reife – und Vermeidung ist ziemlich genau das Gegenteil von dem, was ein Gutachter als Einstellungswandel akzeptiert.

Der Unterschied zwischen Verhalten und Haltung

U-Bahn-Station in München in der Abenddämmerung als Sinnbild für den langen Weg zum Einstellungswandel bei der Alkohol-MPU

Meine Bekannte Nicole aus dem Fitnessstudio in Neuhausen trinkt seit einem Jahr freiwillig keinen Alkohol mehr. Von außen sieht das aus wie bei mir: Beide bestellen wir beim Umtrunk nach dem Training Wasser statt Bier. Nicole kennt das Schleichen durch Partys, bei dem man hofft, dass niemand nach dem Glas in der Hand fragt – nur ohne die behördliche Uhr, die bei mir mitläuft.

Gleiches Verhalten heißt für einen Gutachter noch lange nicht denselben Wandel, weil es am Ende nicht um das Glas in der Hand geht, sondern darum, ob ich erklären kann, was sich in meinem Kopf verändert hat. Das ist übrigens auch nicht dieselbe Frage wie die Entscheidung zwischen kontrolliertem Trinken und Abstinenz – die muss jeder für sich klären, unabhängig von der MPU. Auch gute Leberwerte oder unauffällige Konsummarker beweisen erstmal nur, dass sich der Körper erholt hat, nicht dass sich die Einstellung verändert hat. Der Leistungstest mit seinen Reaktionsaufgaben misst wieder etwas ganz anderes – Konzentration, nicht Charakter.

Zahlen und Protokolle sind Werkzeuge, keine Beweise

Hände halten eine Tasse über einem MPU-Arbeitsheft, während Rückfallstrategien für die Verkehrspsychologie notiert werden

Mein persönliches Protokoll für schlechte Tage führe ich inzwischen getrennt von den Tagen ohne Alkohol, weil beides unterschiedliche Dinge zeigt und ein Punkt allein noch keine Erklärung ist. Genau deshalb habe ich mir auch Zeit für meine Trinkbiografie für die MPU genommen, in der ich aufgeschrieben habe, wofür der Alkohol in meinem alten Alltag als Office Managerin eigentlich gut war. Ohne diese ehrliche Trinkanamnese hätte ich im psychologischen Gespräch selbst nichts zu erzählen gehabt außer auswendig gelernten Sätzen.

Ob ich mir dabei überhaupt die Frage Bin ich Alkoholiker? stelle oder nicht, ändert an dieser Grundaufgabe wenig – die Antwort ersetzt keine einzige Erklärung, die ich der Verkehrspsychologin schulde. Wer sich unsicher ist, was überhaupt in der eigenen Akte steht, kann vorher Akteneinsicht beantragen, aber auch das ist eine Frage der Vorbereitung, nicht des Einstellungswandels selbst. Genauso wenig hat es etwas mit der Frage zu tun, ob man gerade noch in der Sperrfrist steckt oder schon eine MPU-Auflage danach erfüllen muss – zwei verschiedene rechtliche Schienen, die in Foren gern durcheinandergeworfen werden. Die Begutachtungsleitlinien, nach denen die Gutachterinnen arbeiten, sind an dieser Stelle konkreter, als die meisten vor der MPU ahnen.

Erst im dritten Gespräch mit meiner Verkehrspsychologin passierte etwas, das mir vorher nicht klar gewesen war. Ich beschrieb eine stressige Situation, in der der Impuls zu trinken kurz da war, die Handlung aber ausblieb – und sie nickte. Kein Lob, kein großes Wort, nur dieses kurze Nicken. Das war mehr wert als jede Bestätigung, die ich mir vorher erhofft hatte.

Trennungsvermögen in eigenen Worten zeigen

Morgendlicher Blick aus einem Fenster in Neuhausen als Bild für Hoffnung im persönlichen MPU-Tagebuch

Benjamin, ein früherer Leser aus Laim, der seine eigene MPU vor zwei Jahren bestanden hat und mir hin und wieder schreibt, hat mir mal einen Satz mitgegeben, den ich seitdem im Kopf habe: Trennungsvermögen muss man nicht mit Fachbegriffen erklären, sondern mit einem Alltagsbeispiel, das jeder sofort versteht – ein Streit mit dem Chef, eine verpasste Bahn, ein Missverständnis mit der Schwester. Genau darin liegt die eigentliche Belegkraft: nicht im Vokabular, sondern in der Konkretheit.

Am Ende zählt, was ich erklären kann – nicht, was ich beweise.

Eine meiner konkreten Rückfallstrategien ist simpel: Wenn die Erinnerung an die alte Lieblings-Bar hochkommt, drehe ich eine Runde durch den Nymphenburger Schlosspark, bis der Impuls von selbst leiser wird. Das klingt banal, aber es ist meine Wahrheit, keine einstudierte Zeile aus einem Ratgeber. Genau das unterscheidet einen glaubhaften Einstellungswandel von einer auswendig gelernten Geschichte: die Konkretheit, nicht die Dramatik.

Der Tee neben mir ist inzwischen kalt, ein bräunlicher Rand hat sich innen an der Tasse abgesetzt, genau dort, wo der alte Sprung im Porzellan verläuft. Trotzdem bleibe ich noch sitzen. Wenn du selbst gerade mitten in der MPU-Vorbereitung steckst und dich fragst, ob dein Alkoholverzicht allein schon reicht: Er reicht nicht. Erst wenn du erklären kannst, was sich an deinem Denken verändert hat und nicht nur an deinem Verhalten, wird aus einem Datum im Kalender ein echter Einstellungswandel.

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