
Es ist wieder Sonntagabend in Neuhausen. Ich sitze auf dem Dielenboden meiner Küche, der Rücken lehnt am Kühlschrank, der leise vor sich hin summt. Neben mir steht eine Tasse Kamillentee – natürlich längst kalt, wie fast jeden Sonntag, wenn ich mich durch meine Aufzeichnungen quäle. Das kratzende Geräusch meines Kugelschreibers auf dem billigen Recyclingpapier meines Tagebuchs ist das einzige Geräusch in der Wohnung, abgesehen von der U7, die man gedämpft in Richtung Westfriedhof vorbeirauschen hört.
Heute ist so ein Abend, an dem die Realität besonders schwer wiegt. Ich habe die letzten drei Stunden damit verbracht, in meiner eigenen Vergangenheit zu graben. Nicht in der schönen, sondern in der, die mich hierher gebracht hat: auf den Küchenboden, ohne Führerschein, mit einer MPU-Aufforderung im Briefkasten. Vor ein paar Wochen habe ich angefangen, meine Trinkbiografie zu schreiben. Ein Wort, das so klinisch klingt, aber eigentlich bedeutet: „Leg dein ganzes verkorkstes Verhältnis zum Alkohol offen, bis es wehtut.“
Warum die „einfache Wahrheit“ für den Gutachter nicht reicht
Als ich im November 2025 die formale Aufforderung bekam, dachte ich noch naiv: „Ich erzähle denen einfach, wie es war.“ Dass ich im Spätsommer auf dieser Hochzeit war, dass es ein langer Tag war, dass ich die 1,4 Promille nicht kommen sah. Aber meine Verkehrspsychologin hat mir diesen Zahn beim ersten Termin am letzten Mittwoch schnell gezogen. Bei der MPU geht es nicht nur um den einen Tag. Es geht um die Jahre davor. Es geht um die „charakterliche Eignung“.
Der Gutachter will wissen, wie ich von meinem ersten Glas Sekt mit sechzehn zu den 1,4 Promille an jenem Samstagabend gekommen bin. Er will die Entwicklung der Toleranz sehen. Und das ist der Punkt, an dem ich auf dem Sofa lag und stundenlang die Decke angestarrt habe. Ich musste mir eingestehen, dass ich nicht einfach nur Pech hatte. Die 1,4 waren kein Ausreißer nach oben, sondern das Ergebnis einer langen, schleichenden Gewöhnung. In Deutschland liegt die Grenze für eine obligatorische MPU zwar oft bei 1,6 Promille, aber bei Ausfallerscheinungen oder wie in meinem Fall, reicht eben auch weniger, um das volle Programm auszulösen.

Die Trinkbiografie als Protokoll funktionaler Muster
Mein größter Fehler am Anfang war, dass ich nur aufgezählt habe, wann ich wie viel getrunken habe. Das ist langweilig und sagt nichts aus. In meinem Workbook – das ich übrigens an einem verregneten Sonntag im Februar vor lauter Frust fast in die Ecke gepfeffert hätte – stand ein Satz, der alles verändert hat: Betrachte dein Trinken als „funktionales Muster“. Das klingt erst mal nach Management-Sprech aus meinem alten Job als Office Managerin, ist aber eigentlich der Schlüssel.
Ich habe angefangen zu fragen: Was hat mir der Alkohol in diesem Moment gegeben? War es die Belohnung nach einer 50-Stunden-Woche im Büro? War es der Puffer zwischen mir und der Einsamkeit hier in der Wohnung? Wenn man die Trinkbiografie so angeht, wird sie zu einem objektiven Protokoll. Man hört auf, sich zu entschuldigen, und fängt an zu analysieren. Ich habe gemerkt, dass meine „inneren Motive“ oft mit dem Druck zu tun hatten, immer alles perfekt im Griff haben zu wollen. Der Wein am Abend war der einzige Moment, in dem ich die Kontrolle abgeben durfte – nur um sie dann im Straßenverkehr endgültig zu verlieren.
Über die Monate hinweg habe ich gelernt, dass diese Aufarbeitung Zeit braucht. Es ist kein Sprint. Ich habe mir oft überlegt, ob ich mir Unterstützung hole, und habe viel über MPU Vorbereitung Materialien: Warum ich auf den MPU Masterplan Alkohol setze nachgedacht, weil man alleine oft im eigenen Saft schmort und die blinden Flecken nicht sieht.
Der Aufbau meiner Aufarbeitung zu Hause
Ich habe meine Biografie in Phasen unterteilt. Das hat mir geholfen, nicht den Überblick zu verlieren. Zuerst der Erstkontakt (der klassische Sekt bei Oma), dann die Phase, in der Trinken „normal“ wurde, und schließlich die Steigerung. Ich musste ehrlich zu mir sein: Wann habe ich angefangen, mir Ausreden zu suchen? Wann wurde aus dem Genussglas ein Funktionsglas?
- Erste Phase: Jugend und frühes Erwachsenenalter. Wie wurde Alkohol in meinem Umfeld bewertet?
- Zweite Phase: Der Berufseinstieg. Alkohol als Stressventil.
- Dritte Phase: Die Zeit vor der Auffälligkeit. Die höchste Toleranz. Wie oft habe ich Restalkohol unterschätzt?
Ein wichtiger Punkt, den ich fast vergessen hätte: die Rückfallgefahren. In der MPU wollen sie wissen, was ich heute anders mache. Wenn ich heute im Supermarkt an den Weinregalen vorbeigehe, ist das ein ganz anderes Gefühl als noch vor sechs Monaten. Ich führe jetzt seit September mein Tagebuch – jede abstinent gezählte Woche bekommt einen Haken. Die schlechten Tage markiere ich mit einem kleinen Punkt. Es sind weniger Punkte geworden, seit der Sommer begonnen hat, aber sie sind noch da.

Die Sache mit den „Inneren Motiven“
Ich erinnere mich an eine Situation vor ein paar Wochen. Ich war auf einer Geburtstagsfeier eingeladen. Ich hatte mir fest vorgenommen, nichts zu trinken, aber ich hatte Angst vor den Fragen. Also habe ich mir ein Glas Sekt vor mich hingestellt, nur um es in der Hand zu halten. Ich habe es nicht angerührt. Aber am nächsten Tag fühlte ich mich schrecklich. Es war ein dummster Test an mich selbst. In meiner Trinkbiografie habe ich das unter „Vermeidungsstrategien“ abgeheftet. Der Gutachter wird genau solche Geschichten hören wollen: Wie gehe ich mit dem sozialen Druck um?
Dabei ist es wichtig, den ETG-Wert im Kopf zu behalten, falls man Abstinenznachweise erbringt. Ein kleiner Schluck „nur zum Test“ kann alles ruinieren. Ich mache das jetzt seit über sechs Monaten konsequent. Die 10 Jahre, die so ein Eintrag im Fahreignungsregister (FAER) stehen bleibt, sind eine verdammt lange Zeit. Das ist mir erst jetzt richtig bewusst geworden.
Manchmal frage ich mich, ob der Psychologe bei der MPU durch meine polierten Sätze durchsieht. Will er die perfekte Geschichte hören oder den messigen, ehrlichen Kampf, den ich hier jeden Sonntagabend dokumentiere? Ich glaube mittlerweile, es ist Letzteres. Die Wahrheit ist nämlich nicht poliert. Die Wahrheit ist, dass ich manchmal im Bus sitze und fast weine, weil ich mich so schäme, wenn ich Bekannte treffe und erklären muss, warum ich immer noch mit der U-Bahn komme.

Ein paar Tipps, wenn du auch gerade davor sitzt
Wenn du auch gerade in Neuhausen oder sonst wo sitzt und nicht weißt, wie du anfangen sollst: Nimm dir ein leeres Blatt Papier. Schreib nicht „Warum ich getrunken habe“, sondern „Was hat der Alkohol für mich getan?“. Sei dein eigener Detektiv. Es geht nicht darum, sich selbst fertigzumachen – das mache ich schon oft genug auf meinem Küchenboden. Es geht darum, das „Trennungsvermögen“ wiederzuerlangen. Zu verstehen, dass Alkohol und Autofahren nie wieder in denselben Satz gehören.
Ich bin keine Therapeutin und keine MPU-Beraterin. Ich bin nur eine 36-Jährige, die einmal richtig Mist gebaut hat. Wenn ihr wirklich tiefe psychologische Probleme habt oder merkt, dass ihr den Konsum nicht alleine stoppen könnt, bitte sucht euch eine Suchtberatung oder eine professionelle Verkehrspsychologin. Mein Tagebuch hier ist mein Weg, aber jeder Weg sieht anders aus. Auch ein Gespräch mit einem Fachanwalt kann bei rechtlichen Unsicherheiten helfen.
Ich habe auch viel darüber gelernt, wie man als Frau in München mit dem Thema umgeht. Es ist oft noch mal eine ganz eigene Scham dabei. Falls du dich fragst, ob das nur dir so geht: MPU Vorbereitung für Frauen: Warum meine Geschichte in Neuhausen anders ist beschreibt genau dieses Gefühl zwischen Erwartungsdruck und dem eigenen Versagen.
Jetzt ist es fast elf Uhr. Der Tee ist eiskalt, mein Notizbuch hat drei neue Seiten, die voller Streichungen und kleiner Tintenkleckse sind. Es ist nicht perfekt, aber es ist ehrlich. Und vielleicht ist genau das der erste Schritt, um irgendwann wieder den Schlüssel in der Hand zu halten und nicht mehr nur die Decke anzustarren. Nächsten Sonntag sitze ich wieder hier. Bis dahin versuche ich, die Punkte in meinem Kalender klein zu halten.