
Der Kiosk am Stiglmaierplatz hat sein Schaufenster umgeräumt – der alkoholfreie Hugo steht jetzt vorne, genau dort, wo bis vor kurzem die Sektflaschen standen.
Meine Alkohol-MPU-Vorbereitung liest sich anders als das, was ich in den Foren der Männer finde. Dort geht es um Fristen, Module, ums Abhaken. Bei mir zuerst um die Frage, ob ich es überhaupt jemandem erzählen kann, ohne dass das Bild von der Office Managerin mit allem im Griff in sich zusammenfällt. Frauen-MPU heißt für mich: aushalten, dass ein Fehler bei einer Frau angeblich mehr über den Charakter verrät als der gleiche Fehler bei einem Mann nach der gleichen Kontrolle am Straßenrand.
Nur damit das klar ist, bevor es weitergeht: Ich bin keine Verkehrspsychologin, keine Therapeutin und keine Anwältin, sondern eine 36-Jährige, die im Spätsommer letzten Jahres ordentlich Mist gebaut hat. Dieser Text enthält Affiliate-Links zu Dingen, die ich selbst benutze – kaufst du darüber etwas, bekomme ich eine Provision, für dich bleibt der Preis gleich. Rechtliche Fragen gehören zum Fachanwalt, Suchtfragen zur Beratungsstelle, nicht zu meinem Sonntagabend-Tagebuch.
Frauen-MPU: der Druck, immer beherrscht zu wirken
Ein betrunkener Mann nach einer Hochzeitsfeier? Passiert halt mal. Eine Office Managerin, kontrolliert mit 1,1 Promille über der Grenze? Da schwingt sofort ein größeres Urteil mit, das öffentlich kaum ausgesprochen, aber überall mitgedacht wird.
Diese Wartezeit zwischen Kontrolle und Termin fühlt sich an wie eine Wanderung ohne Karte im Nebel – man läuft weiter, ohne zu wissen, wie nah der Ausgang eigentlich ist. Eine ehrliche Trinkanamnese beginnt für mich nicht erst am Schreibtisch der Verkehrspsychologin, sondern schon bei der Frage, was ich mir selbst über den Abend erzähle, bevor ich es überhaupt laut ausspreche.

Ich vertraue Nicole mehr an als meiner Verkehrspsychologin
Nicole aus meinem Fitnessstudio in Neuhausen hat vor einiger Zeit für sich entschieden, ein Jahr komplett auf Alkohol zu verzichten. Sie kennt das Schleichen an der Bar vorbei auf Partys, aber nicht das Gefühl, dass irgendwo bei einer Behörde ein Aktenzeichen mit dem eigenen Namen liegt – das hat sie neulich fast entschuldigend zugegeben. Was ich über Trennungsvermögen weiß, stammt inzwischen eher aus Gesprächen wie diesem als aus Broschüren.
Das psychologische Gespräch bei der Verkehrspsychologin bleibt naturgemäß formell, so soll es wohl auch sein. Mit Nicole dagegen rutschen mir Sätze raus, die ich im Sprechzimmer noch nie über die Lippen gebracht habe – vielleicht, weil sie nichts beurteilen muss, sondern nur zuhört.
Die Einzelstunde beim Psychiater hat mir nichts gebracht
Vor ein paar Wochen habe ich mir extra eine Einzelstunde bei einem Psychiater genommen, nur für dieses eine Thema. Nach zehn Minuten habe ich das Gespräch auf meinen Schlaf gelenkt, weil sich das Eigentliche anfühlte, als könnte ich es einem Fremden gegenüber nicht aussprechen.
Diesen Tag markiere ich in meinem Notizbuch mit einem einzelnen Punkt, so wie jeden Tag, an dem etwas nicht funktioniert hat. Es gibt keine Erklärung dafür, die mich besser dastehen lässt – es ist einfach passiert, und am nächsten Sonntag stand der Punkt trotzdem da.
Woche 12 und Seite 47
Heute schlage ich Der MPU Masterplan Alkohol auf und lande, ohne es zu merken, plötzlich auf Seite 47 – in Woche 12 ohne Führerschein fühlt sich das nicht mehr wie ein Kurs an, sondern wie mein eigenes Notizbuch mit fremden Kapitelüberschriften.
Beim Kapitel zum Abstinenznachweis bin ich inzwischen zum dritten Mal, nicht weil ich es nicht verstehe, sondern weil ich wissen will, ob es beim erneuten Lesen weniger schwer im Magen liegt. Bisher: ein bisschen, aber nicht ganz.
Wenn du dich auch fragst, wie du deinen Alltag ohne Führerschein überhaupt organisieren sollst, dann findest du hier, wie ich meinen Alltag ohne Führerschein in München organisiere – machbar ist es, auch wenn es sich am Anfang nach dem Gegenteil anfühlt.
Ehrlich bleiben, auch am Stiglmaierplatz
Benjamin, ein früherer Leser aus Laim, hat mir mal geschrieben, dass sich Trennungsvermögen auch mit ganz banalen Alltagsbeispielen erklären lässt, nicht nur mit Paragraphen und Formularen. Diesen Gedanken habe ich mir aufgeschrieben, direkt unter dem Punkt für diese Woche.
Was ich langsam als Faustregel für mich mitnehme: Sobald ich anfange, mir für andere eine Erklärung zurechtzulegen, ist genau das der Moment, ehrlich zu werden – nicht der Moment, die Geschichte hübscher zu machen. Für dieses Neuhausen-Tagebuch schreibe ich genau solche Momente auf, jeden Sonntag, ohne Anspruch auf Perfektion.
Falls du gerade an einem ähnlichen Punkt stehst: Du bist mit diesem Gefühl nicht allein. MPU Masterplan Alkohol war für mich ein erster Halt aus der Lähmung, kein Ersatz für professionelle Hilfe – sprich mit einem Experten, wenn du merkst, dass du alleine nicht weiterkommst. Aber ein Werkzeug für die Abende, an denen sonst nur der Kiosk am Stiglmaierplatz noch Licht hat.