
Es ist wieder Sonntagabend in Neuhausen. Ich sitze auf den kalten Küchenfliesen, den Rücken an die Heizung gelehnt, die noch nicht läuft, weil es zwar Ende August ist, aber die Abende in München schon diesen ersten herbstlichen Stich haben. Neben mir steht eine Tasse Pfefferminztee, die ich vor einer Stunde aufgebrüht habe – sie ist jetzt eiskalt. Vor mir liegt mein blaues Notizbuch, das mittlerweile ziemlich zerfleddert aussieht.
Hinweis: Mein Tagebuch enthält Affiliate-Links. Wenn du über diese Links etwas kaufst, erhalte ich eine Provision, während sich für dich am Preis absolut nichts ändert. Ich empfehle hier nur das Workbook und die Module, die ich selbst auf diesem harten Weg nutze. Ich bin keine Verkehrspsychologin oder Anwältin – das hier ist mein persönlicher Prozess. Bei rechtlichen Fragen brauchst du einen Fachanwalt für Verkehrsrecht, und bei tiefergehenden Problemen ist die Suchtberatung die richtige Adresse.
Der Spiegel im Notizbuch: Warum 1,4 Promille kein Versehen waren
Ich habe diese Woche viel darüber nachgedacht, was ich der Gutachterin eigentlich erzählen will, wenn sie mich nach meinen alten Trinkgewohnheiten fragt. Lange Zeit habe ich mir eingeredet, dass dieser Samstagabend im Spätsommer 2025 ein absoluter Ausreißer war. Eine Hochzeit, gute Stimmung, zu viel Wein – und zack, 1,4 Promille. Aber wenn ich ehrlich in mein Notizbuch schaue, in dem ich seit dem fiesen Brief im November 2025 alles festhalte, steht da eine andere Wahrheit.
Ich war Office Managerin. Mein Leben bestand aus Prosecco-Fridays, After-Work-Drinks am Rotkreuzplatz und dem schnellen Glas Wein am Abend, um den Stress der 50-Stunden-Woche runterzufahren. Die 1,4 Promille bei der Kontrolle waren kein Unfall. Sie waren das Ergebnis einer Toleranz, die ich mir über Jahre hinweg unbemerkt antrainiert hatte. Wer mit 1,4 noch glaubt, sicher Auto fahren zu können, hat ein massives Problem mit der Selbsteinschätzung. In Deutschland liegt die Grenze für eine MPU-Anordnung oft bei 1,6 Promille, aber hier in Bayern reichen eben auch meine 1,4, wenn man Ausfallerscheinungen zeigt oder die Behörde genauer hinschaut. Die legale Grenze von 0,5 Promille war für mich damals ein theoretischer Wert, den ich längst aus den Augen verloren hatte.

Das Problem mit dem „Vermeiden“ in der Gastronomie
In vielen MPU-Ratgebern liest man, man solle Orte meiden, an denen Alkohol getrunken wird. Das ist ein toller Rat, wenn man in einem Büro arbeitet, in dem es nur Wasser gibt. Aber seit ich meinen Job als Office Managerin verloren habe (lange Geschichte, hat indirekt mit dem Führerschein zu tun), arbeite ich drei Abende die Woche in einem kleinen Bistro hier in Neuhausen, um die Anwaltskosten und die MPU-Vorbereitung zu finanzieren. Für mich ist die totale Meidung unmöglich. Ich serviere jeden Abend das, was mich in diese Lage gebracht hat.
Das macht die Sache mit dem Trennungsvermögen extrem real. Ich kann nicht einfach weglaufen. Ich muss lernen, inmitten von klirrenden Gläsern und dem Geruch von frisch gezapftem Bier stabil zu bleiben. Letzten Mittwoch hatte ich einen Termin bei meiner Verkehrspsychologin, und ich habe ihr davon erzählt. Ich meinte: „Es ist hart, wenn die Leute am Tresen Spaß haben und ich weiß, dass ich nie wieder so unbedarft sein kann.“ Sie hat nur genickt. Es geht nicht um das Meiden der Welt, sondern um den Umgang mit mir selbst.
Wenn das Workbook zur Qual wird: Mein Scheitern an Modul 3
Ich arbeite seit ein paar Wochen mit dem /out/main. Eigentlich ist es super strukturiert, fast wie ein Tagebuch. Aber vor drei Wochen bin ich bei Modul 3 hängen geblieben: Die Trinkmotive. Ich habe drei Sonntage hintereinander versucht, die „perfekte“ Antwort aufzuschreiben. Etwas, das professionell klingt, so nach dem Motto: „Ich war in einer schwierigen Lebensphase.“
Aber wisst ihr was? Ich habe mich selbst belogen. Ich wollte nicht zugeben, dass ich getrunken habe, um nicht fühlen zu müssen, wie leer ich mich nach der Arbeit oft gefühlt habe. Ich habe das Workbook eine ganze Woche lang nicht einmal aufgeschlagen, weil ich wütend auf die Fragen war. Ich habe sogar kurz überlegt, ob ich stattdessen das Programm für Drogen-MPU anschaue, das eine Bekannte aus einem Forum nutzt, das /out/alt-1, nur um mal was anderes zu sehen – aber das ist natürlich Quatsch, mein Problem ist der Alkohol.

In einer dieser Nächte bin ich am Rotkreuzplatz an einem Streifenwagen vorbeigegangen. Obwohl ich zu Fuß war, hatte ich diesen schlagartigen Knoten im Magen. Mein Körper erinnert sich an das Blaulicht vom letzten Jahr, auch wenn mein Kopf versucht, es kleinzureden. Dieses Gefühl war der Auslöser, mich endlich wieder hinzusetzen. Ich musste Modul 3 im Masterplan nochmal ganz von vorne anfangen. Diesmal ohne Ausreden. Ich habe mich gefragt: Bin ich Alkoholiker? Oder war es „nur“ ein massiver Missbrauch? Diese Reflexion ist schmerzhaft, aber ohne sie werde ich bei der MPU im nächsten Jahr gnadenlos durchfallen.
Trennungsvermögen ist kein Wort, es ist eine Entscheidung
In meinem Notizbuch stehen jetzt ganz konkrete Situationen. Nicht nur „Stress“, sondern: „Freitagabend, 19 Uhr, die letzte Mail war eine Katastrophe, ich wollte eigentlich nur, dass der Kopf aufhört zu rotieren.“ Das ist ein echtes Trinkmotiv. Wenn ich das verstehe, kann ich anfangen, Alternativen zu finden. Früher wäre ich in die Bar gegangen, heute nehme ich die U7 zum Westfriedhof und laufe eine Stunde durch den Park, bis meine Beine schwerer sind als meine Gedanken.
Es gab diesen einen Moment im Juli, eine warme Nacht, in der ich fast schwach geworden wäre. Ein Gast im Bistro hat mir ein Trinkgeld gegeben und gesagt: „Trink einen mit, du siehst geschafft aus.“ Ich stand da, die Hand am Zapfhahn, und für eine Sekunde war da dieser alte Reflex. Aber dann dachte ich an die 1,4 Promille und an den Moment, als ich meinen Führerschein an der Straße abgeben musste. Ich habe freundlich abgelehnt. Das war ein kleiner Sieg, den ich sofort in mein Notizbuch eingetragen habe – mit einem dicken Ausrufezeichen.

Die Suche nach den wahren Gründen für den Konsum ist wie das Navigieren durch München ohne Google Maps, wenn man eigentlich gar keine Orientierung hat. Man verläuft sich ständig, landet in Sackgassen und steht manchmal weinend an einer Haltestelle, weil man nicht weiß, in welche Richtung man eigentlich will. Aber jede Seite in meinem Notizbuch ist ein kleiner Schritt zurück zu mir selbst.
Was ich diese Woche gelernt habe
Gestern Abend habe ich lange auf dem Sofa gelegen und einfach nur die Zimmerdecke angestarrt. Keine Musik, kein Fernseher. Nur ich und die Stille. Früher hätte ich diese Stille weggetrunken. Heute halte ich sie aus. Ich lerne gerade, dass die „charakterliche Eignung“, von der bei der MPU immer alle reden, nichts ist, was man auswendig lernt. Man baut sie sich mühsam auf, Stein für Stein, Sonntagabend für Sonntagabend.
- Ehrlichkeit gegenüber mir selbst ist die härteste Währung.
- Abstinenznachweise (meine ETG-Werte im Urin sind bisher alle sauber, Gott sei Dank) sind nur die Eintrittskarte, nicht die Lösung.
- Mein Umfeld in der Gastronomie ist eine Herausforderung, aber auch ein Training für echtes Trennungsvermögen.
- Das MPU-Gespräch wird kein Verhör, sondern eine Prüfung, ob ich mein altes Ich wirklich hinter mir gelassen habe.

Wenn du auch gerade an deinem Trinktagebuch sitzt oder dich fragst, wie du den nächsten Termin bei der Psychologin überstehen sollst: Du bist nicht allein auf dem Küchenboden. Es ist okay, wenn es wehtut. Es ist okay, wenn man Modul 3 dreimal anfangen muss. Wichtig ist nur, dass wir das Notizbuch nicht zuschlagen. Ich werde mir jetzt noch einen Tee machen – diesmal trinke ich ihn warm – und dann versuche ich, ein bisschen zu schlafen. Morgen wartet die U7 und ein neuer Tag ohne Ausreden.
Falls du auch eine Struktur suchst, die dich zwingt, ehrlich zu sein, schau dir den /out/main an. Er ist manchmal wie eine nervige beste Freundin, die genau die Fragen stellt, die man eigentlich ignorieren wollte. Aber genau das brauchen wir wohl gerade. Wir lesen uns nächsten Sonntag.