
Ich sitze auf dem Küchenboden in Neuhausen, der Tee ist längst kalt, und ich starre auf diese eine, verdammt leere Zeile in meinem Notizbuch. Da, wo eigentlich mein Warum stehen sollte. Es ist Sonntagabend, draußen ist es noch drückend warm, und ich höre die U7 oben am Rotkreuzplatz vorbeirauschen. Es ist fast ein Jahr her, seit ich diesen Samstagabend im Spätsommer 2025 hatte – 1.4 Promille und das Ende meines Führerscheins. Und jetzt, im August 2026, kurz vor dem eigentlichen Termin, hänge ich immer noch an der Frage fest, die alles entscheidet.
Hinweis: In diesem Text teile ich meine ganz persönlichen Erfahrungen auf dem Weg zurück zum Führerschein. Dieser Beitrag enthält Affiliate-Links. Wenn du über diese Links etwas kaufst, erhalte ich eine Provision, für dich ändert sich am Preis absolut nichts. Ich empfehle nur Dinge wie den MPU Masterplan, den ich selbst auf meinem Küchenboden durchgearbeitet habe. Bitte beachte: Ich bin keine Verkehrspsychologin, keine Therapeutin und keine Anwältin. Das hier ist mein Tagebuch, keine Rechtsberatung. Bei rechtlichen Fragen brauchst du einen Fachanwalt für Verkehrsrecht, bei Alkoholproblemen ist die Suchtberatung die richtige Adresse.
Der Schock und die Ausreden-Falle
Als im November 2025 die formale MPU-Aufforderung in meinem Briefkasten lag, dachte ich noch ganz naiv: Ich weiß doch, warum ich getrunken habe. Stress im Job als Office Managerin, der Druck in der Firma, die Überstunden. Ich dachte, das reicht als Antwort. Dass der Gutachter nickt und sagt: "Verständlich, Frau M., das war eben eine harte Phase."
Aber meine Verkehrspsychologin hat mich letzte Woche beim Termin eiskalt erwischt. Sie schüttelte nur den Kopf, als ich ihr meine Standard-Antwort servierte. Sie meinte, Stress sei ein äußerer Anlass, aber kein inneres Motiv. Das hat gesessen. Seitdem versuche ich zu verstehen, was in mir drin passiert ist, bevor ich den Schlüssel umgedreht habe. Ich habe sogar versucht, meine Antworten im Workbook erst mal nur mit Bleistift vorzuschreiben – damit ich sie wegradieren kann, falls sie mir selbst zu peinlich sind. Aber Ehrlichkeit lässt sich nicht wegradieren.

Das Workbook und der Schmerz in Modul 3
Ich habe diesen Sonntag wieder den /out/main aufgeschlagen. Ich bin jetzt bei Modul 3, da geht es ans Eingemachte: Die Selbstreflexion. Es ist ein Unterschied, ob man weiß, dass die gesetzliche Promillegrenze für eine Ordnungswidrigkeit bei 0.5 Promille liegt, oder ob man sich eingestehen muss, warum man mit fast dem Dreifachen noch dachte, man hätte alles im Griff.
Die Fragen im Workbook tun weh. Sie zielen nicht auf die Hochzeit ab, auf der ich damals war. Sie zielen darauf ab, was der Alkohol mit mir gemacht hat, bevor ich überhaupt ins Auto gestiegen bin. Ich habe diese Woche oft nur die Zimmerdecke angestarrt, statt die Aufgaben zu lösen. Es ist so viel einfacher, über den Tathergang der Trunkenheitsfahrt zu sprechen, als darüber, warum ich diesen Tunnelblick brauchte, um den Feierabend zu ertragen.
Wenn die Ruhe zur Last wird: Mein wahres Motiv
An einem verregneten Sonntagabend im Mai hatte ich diesen einen Moment der Klarheit. Ich begriff, dass der Alkohol nicht gegen den Stress half. Die 10-Stunden-Tage in der Firma waren laut, hektisch und voller Menschen. Aber wenn ich nach Hause kam, in diese Wohnung in Neuhausen, war es plötzlich still. Und diese Stille war das Problem. Der Alkohol sollte die Leere füllen, die entstand, wenn das Telefon aufhörte zu klingeln.
Ich dachte immer, ich hätte als Office Managerin alles im Griff. Ich habe hunderte Termine koordiniert, aber mein eigenes Privatleben war völlig unorganisiert. Ich habe getrunken, um mich nicht mit der Frage beschäftigen zu müssen, wer ich eigentlich bin, wenn ich nicht gerade E-Mails sortiere. In der MPU nennen sie das Gefühlsregulation. Ich nenne es: Die Angst vor dem Alleinsein betäuben.

Ein Gedanke an die, die es noch schwerer haben
Letzten Mittwoch habe ich in der Vorbereitungsgruppe eine Frau kennengelernt. Sie ist Alleinerziehende mit zwei kleinen Kindern. Während ich hier auf meinem Küchenboden sitze und stundenlang philosophieren kann, hat sie vielleicht fünf Minuten Zeit zwischen Windeln wechseln und Schlafengehen. Wir haben kurz darüber gesprochen, wie unmöglich es sich anfühlt, in diesem permanenten Schlafmangel tiefe innere Motive zu finden.
Standard-Strategien zur Selbstreflexion scheitern oft an der Realität. Wenn du nie eine ruhige Minute hast, wie sollst du da in dich gehen? Ich bewundere sie dafür, dass sie es trotzdem versucht. Es hat mir gezeigt, dass meine Stille, vor der ich so oft geflohen bin, eigentlich ein Luxus ist, den ich nutzen muss, um meine Einstellung zum Alkohol glaubhaft zu belegen. Wer keine Zeit zum Nachdenken hat, greift oft noch schneller zum Glas, um einfach nur kurz "auszuschalten".
Warum Ehrlichkeit die einzige Währung ist
Ich habe gemerkt, dass der Gutachter bei der MPU sofort merkt, wenn ich eine Geschichte erzähle, die ich irgendwo im Internet gelesen habe. Begriffe wie Trennungsvermögen oder Charakterliche Eignung sind keine hohlen Phrasen. Sie verlangen, dass ich verstehe, warum ich damals die Kontrolle verloren habe. Wenn ich nicht weiß, warum ich getrunken habe, kann ich auch nicht garantieren, dass es nicht wieder passiert.
In meinem Notizbuch sind die schlechten Tage jetzt mit einem kleinen Punkt markiert. Letzten Freitag war so einer. Ich war auf einer Geburtstagsfeier und habe mir ein Glas Sekt vor mich hingestellt, nur damit niemand fragt. Ich habe es nicht angerührt, aber es war ein dummer Test. Ein Test, der mir gezeigt hat, dass ich immer noch Bestätigung von außen suche, statt zu meiner Entscheidung zu stehen. Das ist ein Teil meiner Trinkbiografie, die ich gerade mühsam zusammenschreibe.

Meine Checkliste für heute Abend:
- Modul 3 im Workbook noch einmal durchgehen – diesmal mit Kugelschreiber.
- Meinen ETG-Wert für die nächste Haaranalyse im Kalender markieren.
- Die ungeöffnete Mail von meiner ehemaligen Lieblings-Bar endlich löschen.
- Akzeptieren, dass "ich weiß es nicht" keine Antwort für die MPU ist.
Ich schaue auf meine blau markierten Wochen im Tagebuch. Es sind jetzt fast 40 Wochen ohne einen Tropfen. Das ist viel, aber die Zahl allein bringt mir den Führerschein nicht zurück. Erst wenn ich dem Gutachter in der MPU Begutachtungsstelle hier in München wirklich erklären kann, was in jener Nacht bei 1.4 Promille in meinem Kopf vorging, habe ich eine Chance.
Falls du auch gerade vor diesem Berg stehst und nicht weißt, wo du anfangen sollst: Mir hilft das Workbook wirklich dabei, die richtigen Fragen zu stellen, auch wenn ich es manchmal tagelang nicht ansehen kann. Falls dein Thema eher in eine andere Richtung geht, weiß ich von einer Bekannten aus dem Forum, dass sie mit /out/alt-1 arbeitet, was wohl ähnlich strukturiert ist. Hauptsache, man fängt irgendwo an, ehrlich zu sich zu sein. Der kalte Tee schmeckt übrigens immer noch furchtbar, aber er erinnert mich daran, dass ich heute Abend wach und klar im Kopf bin. Und das ist schon mal ein Anfang.