
Vier Entwürfe für eine Nachricht an meine Verkehrspsychologin liegen in meinem Postausgang – keiner davon abgeschickt. Immer dieselbe Frage, nur anders formuliert: Was passiert eigentlich, wenn die Alkohol-MPU negativ ausfällt? Jedes Mal lösche ich den Text kurz vor dem Senden, weil mir die ehrliche Antwort mehr Angst macht als die Frage selbst.
Mein Neuhausen-Tagebuch beantwortet sonst, was in der vergangenen Woche schiefgelaufen ist. Heute drehe ich das um. Ich schreibe die Fragen auf, die mir wirklich im Kopf herumgehen, seit ich weiß, dass ein Gutachten nicht nur „geeignet" heißen kann, sondern auch das andere Wort – und beantworte sie so ehrlich, wie ich kann, ohne so zu tun, als hätte ich eine Ausbildung, die ich nicht habe.
Muss ich nach einem negativen Gutachten bei null anfangen?
Nicht ganz von vorn, so viel steht für mich fest. Der Abstinenznachweis läuft weiter, unabhängig davon, was am Ende im Gutachten steht, und die schlechten Tage markiere ich weiterhin in meinem Protokoll, weil das meine eigene Aufzeichnung ist, kein Teil der Prüfung.
Das Warten auf ein Ergebnis fühlt sich trotzdem an wie eine Wanderung ohne Karte im Nebel. Man läuft weiter, ohne zu wissen, ob der Pfad überhaupt zum Ziel führt, aber stehenbleiben bringt auch nichts. Genau das macht die Frage mit dem Nullpunkt so schwer zu beantworten – rechtlich weiß ich es nicht im Detail, aber gefühlt fängt man nach einem Nein selten wirklich bei null an, weil man ja schon weiß, wo einer der wunden Punkte liegt.

Der Paragraf in der Fahrerlaubnis-Verordnung, von dem alle reden
In jedem Forum taucht irgendwann derselbe Hinweis auf, meistens mit einer Nummer davor: § 70 der Fahrerlaubnis-Verordnung (FeV). Ich kenne den Namen inzwischen auswendig, aber was darin im Detail geregelt ist, will ich hier nicht auseinanderklamüsern – dafür bin ich keine Juristin, und ein Tagebuch ersetzt keinen Fachanwalt für Verkehrsrecht.
Was in den Begutachtungsleitlinien wirklich steht, habe ich mir bislang nur in Ausschnitten angeschaut, meistens abends, wenn ich eigentlich schlafen sollte. Genug, um zu wissen, dass es dort nicht um Bauchgefühl geht, sondern um nachvollziehbare Kriterien – und zu wenig, um selbst irgendjemandem etwas davon zu erklären.

Nicht alles hat bei mir geklappt
Nach Weihnachten hatte ich mir fest vorgenommen, jetzt wirklich ernsthaft anzufangen – mit der Trinkbiografie, mit dem Workbook, mit allem auf einmal. Der Vorsatz hat nicht besonders lange gehalten. Wenig später lag das Notizbuch wieder unter der Post, und ich habe mir eingeredet, dass ich einfach eine ruhigere Phase brauche, bevor ich anfange.
Meine Trinkanlässe ehrlich zu analysieren fällt mir schwerer, als es klingt, wenn man es nur liest. Ich habe mir vorgenommen, meine Trinkbiografie für die MPU diesmal wirklich zu Ende zu schreiben, statt sie nach der Hälfte liegen zu lassen, so wie beim letzten Anlauf. Die Debatte kontrolliertes Trinken oder Abstinenz führe ich für mich persönlich gar nicht mehr, das ist längst entschieden, aber ich merke, wie unterschiedlich Leute in meinem Umfeld darüber denken, sobald das Thema aufkommt.
Wie schnell darf ich die zweite Chance nutzen?
Wer durchfällt und sofort einen neuen Termin bei einer anderen Stelle bucht, ohne vorher zu verstehen, woran es gelegen hat, läuft meistens direkt wieder gegen dieselbe Wand – das hat mir meine Verkehrspsychologin neulich so erklärt. Es geht dabei nicht ums Auswendiglernen der richtigen Sätze, sondern ums Trennungsvermögen, das Wort fällt in fast jedem unserer Gespräche.
Die Akteneinsicht bei der Führerscheinstelle habe ich schon hinter mir, das war ein eigener kleiner Nervenkitzel für sich. Ohne sie tappt man ziemlich im Dunkeln, finde ich. Manche Module im MPU Masterplan Alkohol mache ich deshalb mehrfach, bis ich wirklich verstehe, warum ich in bestimmten Situationen damals so reagiert habe, und nicht nur, welche Antwort vermutlich richtig klingt. Das psychologische Gespräch selbst kann ich mir dabei aber nicht einfach durch mehr Lesen ersparen – irgendwann sitzt man doch wieder jemandem gegenüber.
Kleine Zeichen richtig lesen, ohne sie zu überschätzen
Am Elisabethmarkt bin ich letztens am Stand mit den Sektgläsern vorbeigelaufen, ohne auch nur langsamer zu werden. Sonst bleibe ich dort automatisch für einen Moment hängen, mehr aus Gewohnheit als aus Lust. Dieses Mal nicht, und ich habe es erst zwei Straßen weiter bemerkt, als mir auffiel, dass ich gar nicht drüber nachgedacht hatte.
Meine Nachbarin war an dem Tag gerade vom Stadtradeln zurück, die Strecke Richtung Dachau, verschwitzt und mit dieser guten Laune, die ich mir manchmal einfach nur borgen möchte. Wir haben kurz auf der Treppe geredet, über nichts Bestimmtes, und dabei ist mir aufgefallen, dass ich zum ersten Mal seit Tagen nicht an den gedanklichen gelben Umschlag gedacht hatte. Draußen ratterte alle zwölf Minuten leise die U7 vorbei, zwei Straßen weiter – ein Geräusch, das ich mittlerweile so automatisch ausblende wie das eigene Herzklopfen vor jedem amtlichen Brief.

Solche Momente beweisen nichts, das weiß ich. Kein Gutachter fragt einen, ob man am Sektstand vorbeigelaufen ist. Aber für mich sind es kleine Datenpunkte, die ich mir merke, gerade weil ich sonst nur auf das eine große Ergebnis starre.
Eine einzige ehrliche Frage
Wenn ich mir selbst eine Frage stelle, ist es inzwischen nicht mehr „was, wenn ich durchfalle". Es ist: Kann ich in einem einzigen Satz erklären, warum ich an diesem Samstagabend im September so gehandelt habe, wie ich gehandelt habe? Solange mir dieser Satz nicht sauber gelingt, ist es fast egal, wie das Gutachten ausfällt – dann liegt meine eigentliche Arbeit noch vor mir, negativ oder nicht.
Bald steht wieder ein Termin an. Ich nehme mir vor, dort nicht die Frau zu spielen, die alles im Griff hat, sondern die zu sein, die gerade dabei ist, ehrlich hinzuschauen. Mehr kann ich gerade nicht versprechen, aber weniger möchte ich auch nicht.