Wieder am Steuer

Umgang mit Rückschlägen bei der MPU Vorbereitung: Wenn die Motivation sinkt

Ich sitze an diesem späten Sonntagabend wieder auf dem Küchenboden in Neuhausen, der Tee neben mir ist längst kalt, und ich starre auf die kleinen schwarzen Punkte in meinem Notizbuch. Draußen quietscht die Tram am Rotkreuzplatz in der stillen Wohnung — ein Geräusch, das ich früher kaum wahrgenommen habe, das jetzt aber den Takt meiner schlaflosen Abende vorgibt. Unter meinen Fingern spüre ich das raue Papier meines Tagebuchs, in dem ich seit September jede Woche ohne Führerschein dokumentiere.

Eigentlich sollte ich heute stolz sein, schließlich ist es fast ein Jahr her, seit mich die Polizei im Spätsommer 2025 nach dieser einen Hochzeit angehalten hat. Aber stattdessen fühle ich mich leer. Kennst du das, wenn die Luft einfach raus ist? Letzten Mittwoch war ich bei meiner Verkehrspsychologin und ich konnte kaum eine klare Antwort geben — ich wollte einfach nur, dass der Termin vorbei ist. Die Motivation, die mich im November 2025 antrieb, als die formale MPU-Aufforderung im Briefkasten lag, scheint irgendwo zwischen der U7 nach Westfriedhof und den ewigen Terminen für die Abstinenzbelege verloren gegangen zu sein.

Der Moment, in dem die Luft rausgeht

Im November dachte ich noch: Ich ziehe das jetzt durch, 12 Monate Abstinenz, kein Problem, ich will mein Leben zurück. Damals war der Schock über die 1.4 Promille noch so frisch, dass die Wut auf mich selbst als Treibstoff reichte. Aber Motivation ist ein unzuverlässiger Freund. Sie ist wie der Akku eines alten iPhones — bei Kälte macht sie einfach schlapp. In einem nasskalten Abend im März saß ich weinend an der Haltestelle, weil ich den Bus verpasst hatte und mir klar wurde, dass ich noch Monate von Screenings vor mir habe.

Nahaufnahme eines Tagebuchs mit einer Markierung für einen schwierigen Tag in der MPU-Vorbereitung.

Manchmal fahre ich mit dem Rad an der Stelle vorbei, an der ich damals den Führerschein abgeben musste. Jedes Mal bekomme ich dieses flaue Gefühl im Magen, eine Mischung aus Scham und Panik. Ich habe in diesen Phasen oft das Workbook eine Woche lang nicht aufgeschlagen. Ich habe sogar der ehemaligen Kollegin, die mich auf einen Drink einladen wollte, per WhatsApp gelogen und behauptet, ich hätte eine Magen-Darm-Grippe, anstatt einfach zu sagen: „Ich trinke nicht mehr, weil ich zur MPU muss.“ Es fühlte sich wie ein Rückschlag an, wie ein Versagen meiner charakterlichen Eignung, noch bevor ich überhaupt vor dem Gutachter stehe.

Warum Rückschläge eigentlich ein Belastungstest sind

Irgendwann lag ich lange auf dem Sofa und habe einfach nur die Zimmerdecke angestarrt. Ich dachte: Wenn ich es nicht mal schaffe, motiviert zu bleiben, wie soll ich dann beweisen, dass ich mich geändert habe? Aber meine Psychologin sagte etwas Interessantes. Sie meinte, dass genau diese Phasen, in denen die Motivation sinkt, die wichtigsten für das spätere Gutachten sind. Es geht nicht darum, dem Gutachter eine perfekte Story ohne Risse zu verkaufen. Es geht darum, zu zeigen, was man tut, wenn es einem eben *nicht* gut geht.

Statt den Rückschlag als Motivationsloch zu betrachten, habe ich angefangen, ihn als notwendigen Belastungstest für meine psychologische Stabilität zu sehen. Wenn ich am Boden liege und trotzdem nicht zum Wein greife — das ist der eigentliche Beweis für mein Trennungsvermögen. Es ist leicht, abstinent zu bleiben, wenn die Sonne scheint und man sich wie eine Heldin fühlt. Aber den ETG-Wert sauber zu halten, wenn man gerade seinen Job hasst oder sich einsam fühlt, das ist die wahre Arbeit. Ich habe damals viel darüber nachgedacht, warum ich überhaupt getrunken habe, und habe in einem anderen Eintrag über meine Suche nach den inneren Motiven geschrieben, was mir geholfen hat, diese Leere besser zu verstehen.

Blick von einem Sofa an die Zimmerdecke als Symbol für Phasen der Motivationslosigkeit.

Das System gegen das Gefühl

In der letzten Woche vor diesem Eintrag hier war es besonders schlimm. Ich war auf einer Geburtstagsfeier und habe mir ein Glas Sekt vor mich hingestellt, damit niemand fragt, warum ich nichts trinke. Ich habe es nicht angerührt, aber allein die Tatsache, dass ich diesen „Test“ für mich selbst brauchte, hat mich tagelang fertiggemacht. Es war ein dummer Test. Aber anstatt mich wieder im Selbstmitleid zu vergraben, habe ich gemerkt: Vorbereitung ist ein System, das auch ohne gute Laune funktionieren muss.

Ich bin keine Therapeutin und habe keine Ahnung von medizinischen Details, aber als ehemalige Office Managerin weiß ich, wie man Prozesse strukturiert. Wenn die Motivation weg ist, greife ich zu meinen Fakten:

Manchmal hilft es mir auch, mich mit Kleinigkeiten abzulenken. Ich habe angefangen, verschiedene Alternativen zu testen, damit ich mich auf Feiern nicht so nackt fühle. Falls du auch gerade suchst, ich habe mal meine Erfahrungen zu alkoholfreien Getränken während der Vorbereitung zusammengefasst. Es klingt banal, aber eine gute Alternative in der Hand zu haben, kann an einem schwachen Abend den Unterschied machen.

Ein Glas Wasser mit Zitrone neben MPU-Unterlagen als Zeichen für Disziplin und neue Gewohnheiten.

Ehrlichkeit im Tagebuch, Ehrlichkeit beim Gutachter

Die „schlechten Tage“ mit dem kleinen Punkt in meinem Notizbuch sind mittlerweile meine wertvollsten Seiten. Wenn ich irgendwann bei der MPU sitze, werde ich nicht sagen: „Es war alles ganz einfach.“ Ich werde sagen: „Es gab Wochen im März und August 2026, da wollte ich alles hinschmeißen. Da war ich müde von den Screenings und traurig über mein altes Leben. Aber ich habe gelernt, diese Gefühle auszuhalten, ohne sie zu betäuben.“ Das ist es, was die Gutachter unter Vermeidungsstrategien verstehen wollen.

Wenn du also gerade auch auf deinem Küchenboden sitzt und dich fragst, wofür du das alles machst: Es ist okay. Wir sind keine Maschinen. Dass wir zweifeln, zeigt nur, dass wir uns wirklich mit der Sache auseinandersetzen. Ich bin keine Beraterin, und wenn du merkst, dass dich das Ganze psychisch zu sehr belastet, solltest du unbedingt mit einer Suchtberatung oder einem Profi sprechen. Ich bin nur eine 36-Jährige, die einmal richtig Mist gebaut hat und jetzt versucht, aus den Trümmern etwas Neues zu bauen.

Der Tee ist jetzt wirklich eiskalt. Ich werde jetzt ins Bett gehen und morgen früh wieder in die U-Bahn steigen. Ohne Führerschein, aber mit einem weiteren kleinen Punkt in meinem Buch, der zeigt: Ich bin noch dabei. Und das ist im Moment genug.

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