
Es ist wieder einer dieser Sonntagabende in Neuhausen. Ich sitze auf dem Küchenboden, der kalte Pfefferminztee steht neben mir und die raue Textur der Fliesenfugen drückt sich unangenehm in meine Waden, während ich mit dem Textmarker bewaffnet über den Seiten meines Masterplans hänge. Draußen fährt die U7 Richtung Westfriedhof vorbei, ein vertrautes Rumpeln, das mich daran erinnert, dass die Welt sich weiterdreht, auch wenn meine eigene Mobilität seit jenem Spätsommer 2025 auf Eis liegt. Woche für Woche fülle ich dieses Notizbuch, markiere die schlechten Tage mit einem kleinen Punkt und versuche, aus dem Chaos in meinem Kopf eine Struktur zu machen, die den Gutachter irgendwann davon überzeugt, dass ich wieder hinter ein Steuer gehöre.
Letzten Mittwoch hatte ich wieder so einen Termin bei meiner Verkehrspsychologin. Ich bin danach völlig fertig nach Hause gelaufen, vorbei am Rotkreuzplatz, und habe mich gefragt, ob ich das jemals alles begreifen werde. Sie hat mich auf das Thema Trennungsvermögen festgenagelt, und ich saß da wie ein Schulmädchen, das die Hausaufgaben vergessen hat. Aber genau in solchen Momenten merke ich, wie wichtig es ist, nicht nur blind irgendwelche Phrasen auswendig zu lernen, sondern ein System zu haben, das mich auffängt, wenn die Selbstzweifel mal wieder lauter sind als die Vernunft.
Das weiße Monster im Briefkasten
Ich erinnere mich noch genau an Ende November letzten Jahres. Es war einer dieser grauen Vormittage, an denen man am liebsten gar nicht aufstehen möchte. Als ich den Briefkasten öffnete und diesen offiziellen Umschlag sah – die formale MPU-Aufforderung –, sackte mir das Herz in die Hose. Dieser plötzliche, stechende Knoten im Magen, jedes Mal, wenn ein weißer Umschlag, der nach Behörde aussieht, durch den Postschlitz rutscht, ist seitdem mein ständiger Begleiter. Damals wusste ich nur: 1.4 Promille. Das ist der Wert, der alles verändert hat. Dass ab 1.1 Promille bereits die absolute Fahruntüchtigkeit gesetzlich feststeht, war mir theoretisch klar, aber es schwarz auf weiß zu lesen, fühlte sich an wie ein Schlag in die Magengrube.
In den ersten Wochen danach habe ich mich in Google-Recherchen verloren. Ich habe Foren gelesen, Horrorgeschichten über durchgefallene Kandidaten konsumiert und war kurz davor, alles hinzuschmeißen. Ich fühlte mich wie bei einer Wanderung im dichten Nebel ohne Karte. Alles war vage, beängstigend und wahnsinnig kompliziert. Erst als ich anfing, die Vorbereitung zu Hause mit einer klaren Struktur anzugehen, lichtete sich der Nebel ein bisschen. Der Masterplan war für mich wie ein Geländer an einer sehr steilen Treppe. Er hat mir nicht die Arbeit abgenommen, die Stufen zu steigen, aber er hat verhindert, dass ich jedes Mal abstürze, wenn ich über meine eigenen Fehler stolpere.

Warum Struktur mehr ist als nur ein Zeitplan
Vorbereitung zu Hause klingt erst mal verlockend – man muss nicht irgendwohin fahren (was ohne Führerschein eh ein Akt ist), man ist in seiner vertrauten Umgebung. Aber genau das ist die Falle. In meiner Wohnung in Neuhausen gibt es so viele Ablenkungen. Die ungeöffnete Mail von meiner ehemaligen Lieblings-Bar, die ich immer noch nicht gelöscht habe, oder der Stapel Wäsche, der plötzlich wahnsinnig wichtig erscheint, wenn ich mich eigentlich mit meiner Trinkbiografie auseinandersetzen sollte. Ohne den Masterplan wäre ich wahrscheinlich heute noch bei der Frage, wie ich überhaupt anfangen soll.
Die Struktur hat mir geholfen, die MPU in verdaubare Häppchen aufzuteilen. Es geht nicht darum, alles auf einmal zu verstehen. Es geht um den ETG-Wert in den Haaren oder im Urin, um die Abstinenz, die ich jetzt seit Monaten nachweise, und vor allem um die charakterliche Eignung. Ich habe gelernt, dass ich nicht nur beweisen muss, dass ich nicht mehr trinke, sondern warum ich es damals getan habe. In meinem Notizbuch habe ich oft darüber geschrieben, wie schwer es mir fiel, meine Trinkgewohnheiten für die MPU zu reflektieren, ohne mich dabei ständig selbst zu verurteilen.
Den Alltag als Testgelände nutzen
Hier kommt ein Punkt, den ich erst spät begriffen habe und der vielleicht ein bisschen schräg klingt: Man sollte den Masterplan nicht nur starr abarbeiten wie eine Checkliste. Ich habe angefangen, gezielt Lücken in meinem Alltag zu provozieren. Was passiert, wenn ich nach einem stressigen Tag im Büro – ich arbeite jetzt in einer kleineren Agentur, die nichts von der Sache weiß – völlig k.o. nach Hause komme? Früher wäre der Griff zum Wein reflexartig gewesen. Heute setze ich mich bewusst dieser Situation aus, ohne die Sicherheit des Workbooks vor der Nase, um zu sehen: Hält meine neue Strategie stand?
Letzten Freitag bei einer Geburtstagsfeier habe ich mir sogar ein Glas Sekt vor mich hingestellt. Nur damit niemand fragt. Ich habe es nicht angerührt, keinen Schluck, aber es war ein dummer, kleiner Test für mich selbst. War es riskant? Vielleicht. Aber ich wollte wissen, ob mein Trennungsvermögen auch unter realem „Stress“ funktioniert, wenn die Leute um mich herum anstoßen. Es ist wichtig, die Belastbarkeit der Verhaltensänderung unter realen Bedingungen zu testen, bevor man vor dem Gutachter sitzt. Man muss wissen, wie es sich anfühlt, „Nein“ zu sagen, wenn der Duft von Bier in der Luft liegt.
Die 12-Monate-Marke und das Selbstbild
Da ich mit 1.4 Promille erwischt wurde, war schnell klar, dass ich um einen längeren Abstinenznachweis nicht herumkomme. In meinem Fall sind es die üblichen 12 Monate, die oft bei höheren Werten oder entsprechenden Vorgeschichten verlangt werden. Diese Zeitspanne fühlte sich anfangs wie eine Ewigkeit an. Ein ganzes Jahr ohne das Glas Wein am Abend, ohne das Anstoßen auf Erfolge. Aber diese Monate sind nötig, um wirklich etwas zu verändern.
Ich bin keine Verkehrspsychologin und habe keine therapeutische Ausbildung. Ich bin einfach nur eine Frau, die einmal richtig Mist gebaut hat. Wenn du rechtliche Fragen hast, geh bitte zu einem Fachanwalt für Verkehrsrecht, und bei echten Suchtproblemen sind Beratungsstellen der richtige Ort. Ich erzähle hier nur von meinem Weg auf dem Küchenboden. Und dieser Weg hat viel mit meinem Selbstbild zu tun. Wer bin ich ohne den Alkohol als sozialen Schmierstoff? Diese Frage hätte ich ohne die Module im Workbook wahrscheinlich nie so tiefgehend beantwortet.

Wenn die Motivation sinkt
Es gibt diese Sonntage, da habe ich das Workbook eine ganze Woche lang nicht aufgeschlagen. Da liegen die Seiten staubig auf dem Sideboard und ich schaue lieber stundenlang die Zimmerdecke an, während mein Tee kalt wird. In Woche 38 ohne Führerschein hatte ich so einen Tiefpunkt. Ich habe mich gefragt: Wofür das alles? Die Kosten für die Abstinenzbelege, die Termine, die Scham. Ich habe meiner ehemaligen Kollegin am Telefon sogar gelogen und gesagt, ich hätte eine langwierige Magen-Darm-Sache, statt zuzugeben, warum ich nicht zum Treffen kommen kann.
Aber genau dann hilft die Struktur wieder. Ich schlage den Masterplan auf, sehe, wo ich stehe, und mache einfach weiter. Es ist wie ein Inhaltsverzeichnis für ein Leben, das gerade neu sortiert wird. Ich habe gelernt, dass Rückschläge in der Vorbereitung dazugehören. Manchmal bin ich auch einfach alkoholfrei auf dem Sommerfest in München unterwegs und merke, wie der soziale Druck an mir zerrt. Das zu dokumentieren, ehrlich zu mir selbst zu sein, das ist der Kern der Vorbereitung.
Die „schlechten Tage“ mit dem Punkt in meinem Notizbuch werden tatsächlich weniger. Nicht, weil alles einfacher wird, sondern weil ich besser vorbereitet bin. Die Struktur gibt mir die Sicherheit, die ich am Tag der MPU brauchen werde. Wenn ich dann dort sitze, werde ich hoffentlich nicht nur die richtigen Antworten geben, sondern wirklich wissen, warum ich sie gebe. Und bis dahin sitze ich hier, trinke meinen kalten Tee und plane die nächste Woche – ohne Auto, aber mit einem immer klareren Ziel vor Augen.